Wie der Ex-Trierer Herrera die Bundesliga aufmischt

Kostenpflichtiger Inhalt: Basketball : Fast wie Zauberei: Wie der Ex-Trierer Sebastian Herrera die Basketball-Bundesliga aufmischt

Er hat in Trier am Max-Planck-Gymnasium sein Abitur gemacht und für die Gladiators in der ProA gespielt: Nun knackt Sebastian Herrera mit den Crailsheim Merlins in der Bundesliga Rekorde – und am Samstagabend könnte ihm und seinem Team etwas ganz Besonderes gelingen.

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 – das war schon ordentlich, hatte es bei einem Basketballspiel im Bonner Telekom-Dome bisher noch nicht so häufig gegeben. Doch das war längst nicht alles: 11, 12, 13, 14, 15 – es wurde immer unangenehmer für das Team von Baskets-Cheftrainer Thomas Päch. Aber Sebastian Herrera und die Crailsheim Merlins, sie hatten noch nicht genug. Es klingelte weiter im Korb der Bonner: Auch Dreier Nummer 16, 17, 18, 19, 20 und 21 zimmerten die Merlins den Rheinländern bis Spielende noch in den Korb.

21 verwandelte Dreier nach 40 Spielminuten – der Wahnsinn. Da mussten sie bei der Basketball-Bundesliga in Köln schon sehr lange in den Statistikbüchern blättern, um Vergleichbares zu finden. Am Ende die Erkenntnis: Seit Einführung der digitalen Datenbank 1998 hatte nur ein Team mehr Dreier in einem Spiel getroffen. 2015 war das, als Liga-Krösus FC Bayern den Tigers aus Tübingen mal 23 Dreier eingeschenkt hatte.

Und dann noch das Endergebnis: Mit 114:82 zerlegte Crailsheim die  Bonner in eigener Halle in ihre Einzelteile. Es war die höchste Baskets-Heimniederlage der Bundesliga-Geschichte. Und das will schon was heißen, schließlich gehören die Herren aus der ehemaligen Bundeshauptstadt zum Inventar der höchsten deutschen Spielklasse. Aber gegen diese aufgedrehten Merlins fiel Bonn mal so überhaupt nichts ein. „Das war schon krass“, gesteht Sebastian Herrera, „unsere Würfe sind so perfekt gefallen, es klappte fast alles“.

Einst spielte er gegen Crailsheim - wie hier im Gladiators-Trikot - heute ist der 21-Jährige für die Merlins im Einsatz. Foto: sjs / Sebastian J. Schwarz

Krass ist auch das, was Herrera da bisher in dieser Bundesliga-Saison zeigt. Der 21-jährige Ex-TBBler und frühere Akteur der Gladiators Trier ist der Führungsspieler bei den Crailsheim Merlins. Vor Saisonbeginn hat der finnische Chefcoach Tuomas Iisalo Herrera zum Kapitän gemacht. Und der Deutsch-Chilene zahlt das Vertrauen mit starken Leistungen zurück. Beim Sensationssieg in Bonn war Herrera der Mann des Spiels, erzielte 26 Punkte, sammelte vier Assists und drei Rebounds – Karrierebestleistung. Der Shooting Guard hat immensen Anteil daran, dass die Franken mit drei Siegen aus drei Spielen so gut wie nie zuvor in eine Bundesliga-Spielzeit gestartet sind, und derzeit hinter München und Berlin Rang drei belegen.

 Was ist da los, Herr Herrera, wieso läuft das so geschmeidig? „Wir haben einfach ein junges, hungriges Team“, erzählt der Mann, der 2017 am Trierer Max-Planck-Gymnasium sein Abi­tur machte. „Letztes Jahr waren wir ein bisschen zu alt für unsere Spielweise. Das schnelle Spiel mit der aggressiven Verteidigung ist mit dem Team jetzt viel besser möglich.“

Nach dem Bundesliga-Aufstieg im Sommer 2018, als sich der Club im ProA-Playoff-Halbfinale gegen die Gladiators Trier durchgesetzt hatte, schafften die Merlins in der vergangenen Spielzeit als 16. gerade so den Klassenerhalt. Im Sommer dann der Umbruch: Stammkräfte wie Frank Turner, Sherman Gay oder Konrad Wysocki verließen den Club, jüngere Spieler wie der US-Amerikaner Javontae Hawkins und der Slowene Jan Span kamen – und schlugen voll ein. Die beiden bilden gemeinsam mit Herrera die Stützen des Teams. Und Captain Herrera, der lange in Trier-Kernscheid lebte, kommt in der Mannschaft eine ganz besondere Rolle zu: „Es ist viel Organisatorisches: Läuft es auf dem Feld mal nicht, rufe ich die Jungs zusammen, damit wir uns kurz besprechen können“, berichtet der chilenische Nationalspieler. „Ich stehe außerdem in engem Kontakt zu unserem Chefcoach. Wenn er beispielsweise wissen will, wie die Stimmung im Team ist, kommt er zu mir und fragt mich – ich bin sein verlängerter Arm.“

Sebastian Herrera im Einsatz für das Trierer NBBL-Team vor einigen Jahren. Foto: Uli Kaurisch

Seit knapp drei Jahren lebt Sebastian Herrera nun in Crailsheim, einer 30 000-Einwohnerstadt in der Nähe von Heilbronn. „Ich fühle mich schon sehr wohl, aber meine Heimat in Deutschland, das ist Trier, denn dort bin ich zur Schule gegangen, dort habe ich so viele Freunde“, betont der 1,93-Meter-Mann. „Wann immer es die Zeit zulässt, komme ich nach Trier.“ Der Grund ist auch seine Freundin, die zunächst mit ihm nach Crailsheim gekommen war, nun jedoch aufgrund ihres Studiums wieder zurück an die Mosel gezogen ist.

Von September 2014 bis Juni 2017 lebte Sebastian Herrera in Trier. Zuvor, im Sommer 2014, hatte der gebürtige Chilene sein Heimatland verlassen, um 14 000 Kilometer entfernt an der Mosel sein persönliches Basketball-Abenteuer zu beginnen. Der Grund: Frank Baum, der ehemalige sportliche Leiter der TBB Trier, hatte ihn von Südamerika nach Trier gelotst, nachdem er das Talent beim sogenannten Albert-Schweitzer-Turnier – der inoffiziellen U18-Weltmeisterschaft in Mannheim, wo Herrera mit seinem Heimatland Chile angetreten war – entdeckt hatte.

Jetzt im Herbst 2019 ist Herrera nicht nur Bundesligaprofi, sondern auch Student. An einer Bonner Fern-Universität ist er in den Fächern Medien- und Kommunikationsmanagement eingeschrieben. „Während der Saison habe ich wenige Kurse, damit ich mich auf den Basketball konzentrieren kann.“ Für die Zeit nach der Karriere, so erzählt der 21-Jährige, könne er sich durchaus vorstellen, als Journalist zu arbeiten. „Social Media und die ganzen neuen Technologien – das interessiert mich.“

Was ihn ebenfalls interessiert, ist sein Ex-Club. Wenn’s geht, verfolge er die Gladiators-Spiele im Livestream. „Klappt das nicht, schaue ich mir immer Ergebnisse und Statistiken an.“ Besonders mit Kilian Dietz – „mit Kili bin ich dicke“ – stehe er in engem Austausch. Er betont: „Ich drücke den Jungs fest die Daumen, dass sie es in die Playoffs schaffen.“

Und, Herr Herrera, die Frage muss erlaubt sein, was ist möglich für Sie und Ihre Merlins in diesem Jahr? „Wir haben uns kein Ziel gesetzt, wollen weder von Klassenerhalt noch von Playoffs sprechen – wir schauen einfach, was geht.“ Fest steht: Mit einem Sieg im Heimspiel gegen Göttingen am Samstag könnte Crailsheim sogar auf Platz eins krabbeln – es wäre fast wie Zauberei.

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