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Richard Schmidt/Maike Hausberger: Entscheidung zu Olympia und den Paralympics muss her

Kostenpflichtiger Inhalt: Olympia-Teilnehmer : Trierer Top-Athleten Schmidt und Hausberger hoffen auf Entscheidung zu Olympia und Paralympics

Finden die Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 in Tokio trotz der Corona-Krise statt? Die zuständigen Komitees spielen auf Zeit – eine aus Sicht zweier Athleten aus der Region Trier schwierige Strategie.

Die Fußball-Europameisterschaft – verschoben auf 2021. Die French Open – finden erst im Herbst statt. Die höchsten Ligen im Basketball, Eishockey und Volleyball in Deutschland – vorzeitig abgebrochen. Die Eishockey-WM – abgesagt. In vielen Sportarten wird wegen der Corona-Krise derzeit Tabula rasa gemacht. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) zaudern dagegen noch.

Stand jetzt sollen die Olympischen Sommerspiele vom 24. Juli bis 9. August und die Paralympics (25. August bis 6. September) in Tokio planmäßig über die Bühne gehen. Ist das realistisch?

Der TV hat bei zwei Sportlern aus der Region Trier nachgehört. Für den Trierer Ruderer Richard Schmidt wären es die vierten Olympischen Spiele, für die Para-Radsportlerin Maike Hausberger aus Butzweiler (Kreis Trier-Saarburg) die dritten Paralympics.

Richard Schmidt trainiert normaler­weise im Ruderleistungszentrum in Dortmund. Nachdem der Stützpunkt wegen der Corona-Krise geschlossen worden ist, werden das heimische Wohnzimmer und die Wohnungs-Terrasse in der nordrhein-westfälischen Großstadt zum Trainingscamp. „Jeder Ruderer hat einen Ergometer nach Hause geliefert bekommen. Ich musste im Wohnraum etwas umräumen, damit der Ergometer reinpasst. Jetzt trainieren wir erst mal individuell, per Whatsapp haben wir eine Trainingsgruppe ins Leben gerufen“, berichtet Schmidt, der mit dem Ruder-Achter das Olympia-Ticket bereits gelöst hat.

Zuletzt musste die Crew Hals über Kopf aus dem Trainingslager in Portugal abreisen. Schmidt: „Vorletzten Sonntag gab es mittags noch eine Besprechung, wo sogar eine eventuelle Verlängerung erwogen wurde. Abends um 20 Uhr hieß es dann, wir müssten sofort abreisen. Am Montagmorgen fuhr uns ein Shuttle-Service zu drei Zeiten um 3, 6 und 8 Uhr zum Flughafen.“

Ob und wann Schmidt und Co. bei Olympia in Tokio an den Start gehen können, erscheint ungewiss. Bislang hält das IOC am festgelegten Datum fest. Schmidt hat einerseits Verständnis dafür, andererseits aber auch nicht: „Das IOC darf sich in seiner Entscheidung nicht treiben lassen, das ist okay. Für uns Athleten ist die mit einer Ungewissheit einhergehende Situation aber nicht zufriedenstellend. Wir brauchen eine Entscheidung, die berücksichtigt, dass es faire Wettkämpfe geben muss.“

Aktuell ist die Gemengelage schwierig – in vielen Sportarten, auch im Rudern: Die drei Weltcups im April und Mai in Sabaudia, Varese und Luzern wurden abgesagt. In mehreren Bootsklassen steht noch eine Olympia-Qualifikation aus. Der Achter, der das Tokio-Ticket schon hat, hätte lediglich bei der EM in Posen Anfang Juni noch ein Rennen vor der olympischen Regatta.

Was tun mit Olympia 2020 und den Paralympics 2020? Wie geplant austragen oder verschieben? Ruderer Richard Schmidt und Para-Radsportlerin Maike Hausberger (unten) haben eine differenzierte Sicht auf die Dinge. Foto: dpa/Detlev Seyb

Wie werden in den aktuellen Ausnahme-Zeiten international Doping-Tests aufrechterhalten? Und wie unterschiedlich sind die Trainingsmöglichkeiten in den einzelnen Ländern? Auch das sind zwei zentrale Fragen. Wettbewerbsverzerrungen in der Vorbereitung sind nicht ausgeschlossen. Mit Blick auf die eigene Situation sagt Schmidt: „Das Einzeltraining auf dem Ergometer ist etwas komplett anderes, als im Team als Achter auf dem Wasser unterwegs zu sein. Man bleibt fit, ja. Aber es ist wie Fußball am Simulator.“

Was tun, wenn angesichts der aktuellen Ausnahme-Situation faire Bedingungen nicht gewährleistet werden können? Aus Sicht von Schmidt wäre eine Verschiebung um maximal zwölf Monate vertretbar. „Vielleicht würde Olympia im Oktober mehr Sinn machen, zumal es in Tokio dann auch nicht mehr so heiß wäre. Eine Verschiebung um ein Jahr wäre wohl das Maximale, was für Athleten machbar wäre.“ Denn es tun sich auch im Fall eines Aufschubs Fragen auf. Was ist mit den Trainern, deren Verträge meist mit dem Ende eines Olympia-Zyklus enden? Wie ginge für die Sportler die Förderung weiter – nicht wenige haben keine finanzielle Absicherung? Und inwieweit würde eine Verschiebung andere berufliche Pläne der Athleten durchkreuzen?

All das wäre für Schmidt zu stemmen. Er plant, nach Olympia seine Karriere zu beenden und als Wirtschaftsingenieur erst mal an seiner Dissertation weiterzuschreiben.

Trotz der aktuellen Hängepartie nach einer jahrelangen Fokussierung auf die Olympischen Spiele rät Schmidt dazu, die Relationen nicht aus dem Blick zu verlieren: „Wir reden über Sport. Natürlich ist die Situation beschissen. Für uns könnten Lebensträume platzen. Aber bei uns geht es um Träume, bei anderen Menschen tatsächlich um Leben und Tod.“

Ortswechsel. Der TV erreicht Maike Hausberger telefonisch, nachdem sie einen ausgedehnten Leistungstest hinter sich gebracht hat. Auf der Fahrrad-Rolle im Wintergarten des elterlichen Domizils in Butzweiler. Training zu Hause – das hat es für Hausberger, die eigentlich seit 2018 am Olympiastützpunkt Brandenburg in Cottbus lebt und trainiert, nach eigener Aussage seit eineinhalb Jahren nicht mehr gegeben. Die Corona-Krise lässt grüßen. „Ich hätte als Mitglied des Topteams Tokio zwar weiter am Stützpunkt trainieren können, doch das angeschlossene Athletenhaus, in dem ich wohne, wurde vorerst bis 19. April geschlossen. Ich habe also keinen Schlafplatz mehr.“

Deshalb fuhr sie Mitte vergangener Woche nach Hause nach Butzweiler. 750 Kilometer mit einem vom brandenburgischen Präventions- und Rehabilitationssportverein zur Verfügung gestellten Bus, in dem sie zwei Sport-Räder – eins für die Straße und eins für die Bahn – mitnahm. „Ich fahre gerne Auto. Deshalb haben mir die sechseinhalb Stunden am Steuer nicht viel ausgemacht“, sagt Hausberger.

Daheim zu trainieren, ist dagegen eine Herausforderung. Darum geht’s womöglich nächstes Wochenende zurück nach Cottbus. Hausberger: „Vielleicht kann ich bei einem Freund unterkommen. Oder mein Verein zahlt mir ein Hotelzimmer.“

Wegen Corona sind auch bei der 25-jährigen Para-Radsportlerin Termine weggebrochen. Ein Trainingslager im April am Gardasee, ein Europacup-Rennen Anfang Mai in Polen. Trotzdem ist mit Trainingsplänen weiterhin alles auf die Straßen-Weltmeisterschaft Anfang Juni im belgischen Ostende sowie auf die Paralympics in Tokio ausgerichtet. Für Hausberger wäre es die dritte Teilnahme bei den bedeutsamsten Wettkämpfen für Sportler mit Behinderung. Bei den Paralympics in London 2012 und in Rio de Janeiro 2016 war Hausberger, die von Geburt an mit halbseitigen Lähmungserscheinungen kämpft, als Leichtathletin dabei. Danach war sie wegen Verletzungen zum Triathlon gewechselt. Als bekannt wurde, dass ihre Beeinträchtigungsklasse bei den Paralympischen Spielen in Tokio keine Berücksichtigung findet, sattelte sie zum Radsport um. In Tokio sind Starts auf der Straße (Zeitfahren, Einzelrennen) sowie auf der Bahn (3000 Meter Verfolgung, 500 Meter Sprint) geplant. Eine Nominierung durch den Bundestrainer gilt als sehr wahrscheinlich.

Foto: Holger Teusch/g_sport <g_sport5@volksfreund.de>
Fahrradrolle Maike Hausberger. Foto: privat

Ich habe schon die Befürchtung, dass die Paralympics um ein Jahr verschoben werden könnten“, sagt Hausberger, die Anfang dieses Jahres bei der Para-Bahnrad-WM im kanadischen Milton gleich drei Medaillen (zweimal Silber, einmal Bronze) gewann. Als Radsportlerin könne sie trotz der aktuellen Einschränkungen noch gut und sinnvoll trainieren. Anders sehe es in anderen Sportarten aus, beispielsweise bei den Turnern. Deshalb gibt Hausberger zu bedenken: „Sollten die Paralympics wie geplant stattfinden, hätten manche Medaillen sicher nicht den Stellenwert, den sie unter normalen Umständen hätten.“