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Viez: Experte erklärt, was ihn von anderem Apfelwein unterscheidet

Interview : Viez-Experte erklärt, was das Kultgetränk wirklich von anderem Apfelwein unterscheidet

Was macht eigentlich ein Viezproduzent nach der Apfelernte? Auf diese Frage und die, wie er seinen Viez am liebsten trinkt, gibt der Welschbilliger Alexander Bohr Antworten.

Auf dem Bohrshof bei Welschbillig wird seit vielen Jahren Viez getrunken. Das Getränk erlebt seit einigen Jahren eine unerwartete Renaissance. Die Trierer Viezbruderschaft will Viez gar zum immateriellen Unesco-Kulturerbe machen. Der TV hat mit Alexander Bohr, Produzent des Getränks, gesprochen. Er liefert unter anderem den Glühviez für den Trierer Weihnachtsmarkt.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie zurzeit auf ihrem Hof?

Alexander Bohr: Sofern es das Wetter zulässt, stehen Restarbeiten auf den landwirtschaftlichen Flächen an. Das Keltern befindet sich in den letzten Zügen. Der erste Viez ist ausgegoren. Den machen wir bereits fertig für den Verkauf. Und aktuell machen wir den Glühviez für den Weihnachtsmarkt. Dazu kommen noch Reparaturarbeiten. Alles, was über das Jahr kaputt gegangen ist, müssen wir wieder auf Vordermann bringen.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, selbst Viez zu produzieren?

Bohr: Wir haben in unserem landwirtschaftlichen Betrieb schon immer etwas Viez gemacht. Aber seit rund 30 Jahren wird wieder mehr Viez getrunken. Dadurch ist die Apfelverwertung über unsere Brennerei weniger geworden. Wir haben aus den Äpfeln mehr Viez gemacht.

Also geht es immer aufwärts?

Bohr: Ja, das kann man so sagen. Wir haben den Trend gut getroffen. Seit 30 Jahren wird es stetig mehr. Das vergangene Jahr war coronabedingt der erste Ausreißer nach unten. Seit Oktober 2020 war ja nichts los. Der Absatz über die Gastronomie war dementsprechend gering.

Was lieben Sie an ihrem Beruf und was nervt manchmal?

Bohr: Am nervigsten ist es, wenn die Apfellieferanten zu ungeduldig sind und nicht abwarten, bis das Obst richtig reif ist. Aus unreifem Obst kann man keinen guten Viez machen.

Das Schönste am Beruf ist zu sehen, wenn der Viez den Leuten schmeckt. Und ich selbst trinke natürlich auch gerne mal ein Glas Viez.

Ist der Jahrgang 2021 ein gutes Viez­jahr?

Bohr: Da halte ich es wie die Winzer: Es gibt keinen schlechten Jahrgang.

Für viele gehört die weiße Viezporz dazu. Das regionale Getränk gibt es inzwischen in neuen Mischungen und auch in einer heißen Variante für die kalte Jahreszeit. 
Für viele gehört die weiße Viezporz dazu. Das regionale Getränk gibt es inzwischen in neuen Mischungen und auch in einer heißen Variante für die kalte Jahreszeit.  Foto: "h_st" <h_st@volksfreund.de>

Haben Sie schon erste Apfelweine des Jahrgangs probieren können und wie bewerten Sie den Geschmack?

Bohr: Er wird etwas leichter sein. Etwa ein halbes bis ein Prozent weniger Alkohol ist zu erwarten. Aber er schmeckt richtig gut. Ein endgültiges Urteil kann man sich aber erst im Januar oder Februar bilden, wenn alles richtig durchgegoren ist.

Welche Faktoren bestimmen denn den Geschmack des Viezes?

Bohr: Viel Sonne bringt viel Alkohol. Mäßige Temperaturen und eine lange Abreife des Apfels bringen hingegen viele Aromen.

Und ich sage immer zu unserem Azubi, wenn er gefragt wird, warum unser Viez so gut ist, soll er antworten: Meine Mutter geht jeden Sonntag in die Kirche dafür beten.

Man sollte schließlich nicht jedes Betriebsgeheimnis verraten. (lacht)

Ab wann wird man den dieses Jahr produzierten Viez dann auch bei Ihnen kaufen können?

Bohr: Das wird sicher Ende Februar oder Anfang März, bis wir an den neuen Jahrgang kommen.

Was unterscheidet denn den Viez von anderen Apfelweinen wie zum Beispiel dem Äppelwoi aus Hessen?

Bohr: Ich würde sagen, das Entscheidendste ist das regionale Obst. Die Sorten, die man hier kennt, wie zum Beispiel der Erbachhofer, der weiße und der rote Trierer, der Rheinischer Winterrambur oder auch der Bohnapfel. Diese hier in der Region verbreiteten Sorten machen auch den größten Teil des Geschmacks aus.

Wie bei jedem Winzer ist der Keller aber natürlich auch entscheidend. Eine Rolle spielt zum Beispiel auch, welche Hefen eingesetzt werden.

Die Trierer Viezbruderschaft hat kürzlich einen Antrag eingereicht, den Viez als immaterielles Unesco Weltkulturerbe anerkennen zu lassen. Unterstützen Sie den Antrag?

Bohr: Den Antrag haben wir unterstützt, soweit wir das können. Das ist eine schöne Sache. Der Verein der Viezbruderschaft bemüht sich sehr um die Pflege des Brauchtums. Wir konnten auch schon beim Trierer Viezfest mitmachen. Das ist immer eine tolle Veranstaltung. Wir hoffen sehr, dass es bald wieder stattfinden kann und wir wieder dabei sein können.

Warum denken Sie, sollte der Viez Weltkulturerbe werden?

Bohr: Die lange Tradition hier in der Region. Wir sind hier damit groß geworden. Es gibt zwar unterschiedliche Meinungen darüber, ob zur Römerzeit schon Äpfel gekeltert wurden oder erst später damit angefangen wurde. Belegt ist die Apfelweinherstellung aber bereits seit 1200 Jahren. Alleine, dass sich die Tradition so lange gehalten hat, ist schon Grund genug.

Sollte der Antrag angenommen werden, welche Vorteile versprechen Sie als Viezproduzent sich davon?

Bohr: Es ist mit Sicherheit mit Vorteilen verbunden. Überregional könnte ich mir einen Marketingeffekt vorstellen. Den meisten Absatz machen wir aber natürlich hier regional. Die Kunden hier vor Ort kennen und lieben ihren Viez, unabhängig davon, ob er Weltkulturerbe ist.

Es erfüllt aber natürlich auch mit einem gewissen Stolz, wenn eine Tradition, die man schon so lange pflegt, diese Anerkennung bekommt. Wenn es klappt, würde ich mich sehr freuen.

Verkaufen Sie denn auch Viez überregional?

Bohr: Ja, manche Kunden kommen extra zu uns den Viez abholen. Andere bestellen unsere „Bag in Box“ Produkte. Diese verschicken wir deutschlandweit.

Wir hatten sogar einen Kunden in Berlin. Der hat ein Jahr lang an einer Zehnliterbox getrunken und gelobt, dass der Geschmack des letzten Glases noch genauso gut war wie der des ersten. Wenn allerdings jeder Kunde im Jahr nur zehn Liter Viez trinken würde, hätten wir ein Problem. (lacht)

Wie hat sich der Viezkonsum denn über die Jahre verändert?

Bohr: Vieztrinker sind immer noch sparsam. Wenn man den Preis nur ein wenig erhöht, sind die Kunden nicht froh. Es gibt ja den Spruch: Vieztrinker sind sparsam, sonst würden sie Wein trinken. (lacht)

Aber natürlich sind nicht alle Kunden so. Und verstehen kann ich sie ja schon: Wer gibt denn gerne mehr Geld aus als nötig?

Früher wurde aber tatsächlich Viez noch anders getrunken. Mein Vater hat früher sogar noch Viez an das Krankenhaus ausgeliefert. Damals haben die Leute im Krankenhaus jeden Tag noch ein Glas Viez zu trinken bekommen.

In den 60er-Jahren ist der Viez dann komplett aus der Mode gekommen. Die Leute haben damals oft lieber zur Flasche Bier gegriffen als zum Viez. Der Wirtschaftsaufschwung hat das „Arme-Leute-Getränk“ aus der Gesellschaft verdrängt.

Seit 30 Jahren ist der Viez jetzt wieder auf dem Vormarsch. Es wird wieder mehr Viez getrunken.

Man spricht immer vom perfekten Wein zum Essen. Zu welchem Essen passt denn ein Viez am besten?

Bohr: Das Glas Viez passt definitiv sehr gut zum Kassler mit Sauerkraut. Viez kann man aber zu allem trinken. Dadurch, dass der Viez nicht so viel Alkohol wie Wein enthält, kann man ihn auch wirklich gegen den Durst trinken. Dadurch kann man dann reinen Gewissens auch mal drei Gläser mehr trinken. (lacht)

Der Viez wird in den vergangenen Jahren immer hipper. Mischgetränke wie zum Beispiel Cola-Viez erobern den Markt. Was halten Sie von den neuen Kreationen?

Bohr: So neu sind die Kreationen gar nicht. Ich kann mich gut erinnern, dass wir in meiner Jugend schon immer CoVie (Cola-Viez) getrunken haben.

Wir haben seit zwei Jahren gemeinsam mit Franco Piccolini und Luigi Ferrari unsere eigenen Mischviezvariationen in Flaschen auf dem Markt. Leider ist das Ganze unter Corona ein wenig untergegangen.

Die meisten Vieztrinker bleiben aber doch beim puren Viez.

Jetzt in der Weihnachtszeit ist der warme Glühviez natürlich auch eine sehr beliebte Wahl. Welche Gewürze gehören ihrer Meinung nach auf jeden Fall in einen guten Glühviez?

Bohr: Wir hatten in der Simeonstraße in der Trierer Altstadt einen Test gemacht. Dort haben wir die Trierer drei verschiedene Varianten probieren lassen. Als beliebteste Glühviezversion der Trierer hat sich dabei eine sehr einfache Mischung aus Zimt, Orangenschalen und Nelken durchgesetzt. Das Verhältnis kann ich aber nicht verraten, das bleibt ein Betriebsgeheimnis. (lacht)

Zum Abschluss würde mich noch interessieren, wie Sie ihren Viez am liebsten trinken?

Bohr: Ich bevorzuge den kalten Viez mit einem kleinen Schluck Sprudel. Pur hat der Viez ein bisschen zu viel Alkohol. Da ich gerne ein Glas mehr trinke, füge ich lieber einen Schuss Sprudel hinzu.