Ex-Schulleiter wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen zu Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt

Kostenpflichtiger Inhalt: Prozess am Landgericht : Schuldspruch: Ex-Schulleiter hat Schüler sexuell missbraucht

Ein ehemaliger Lehrer aus dem Kreis Trier-Saarburg ist zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen verurteilt worden. Ins Gefängnis muss er jedoch nicht.

Im Gerichtssaal ist es mucksmäuschenstill, als Richter Günther Köhler am Montagvormittag das Urteil im Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs gegen den ehemaligen Leiter einer weiterführenden Schule im Kreis Trier-Saarburg verkündet: „schuldig!“ Die erste Große Jugendkammer verurteilt den Mann nach 14 Verhandlungstagen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt zur Bewährung. Laut Richter Köhler hat der Verurteilte „seine Autorität missbraucht, um sich an Kindern zu vergehen.“ Für die Begründung des Urteils, das noch nicht rechtskräftig ist, braucht der Richter fast zwei Stunden. Der Verurteilte hört zu, hält die meiste Zeit seine Hände gefaltet und starrt auf den Tisch vor sich. Eine Gefühlsregung lässt er sich nicht ansehen. 

Die Taten Der 55-Jährige hat sich laut Urteil an einem seiner Schüler zweimal vergangen. Den Jungen, der zum Tatzeitpunkt in den Jahren 2013 und 2014 noch 13 beziehungsweise 14 Jahre alt war, hatte er mehrfach zu sich nach Hause eingeladen. Das Opfer lebte in einer Jugendhilfeeinrichtung. Der Lehrer habe die Betreuer davon überzeugt, dass er ihm helfen wolle, heißt es im Urteil. Deshalb seien die Aufenthalte genehmigt worden. Bei einer Gelegenheit habe er den damals 13-Jährigen unter dem Vorwand, ihn auf Hodenkrebs untersuchen zu wollen, unsittlich berührt. Bei einer anderen Gelegenheit habe er ihn dazu zwingen wollen, dass er vor ihm masturbiere, und ihn dabei im Intimbereich angefasst.

Bei einem anderen Schüler, dem er eine private Mathe-Nachhilfestunde in seinem Büro versprochen hatte, habe der Schulleiter im Januar 2017 ebenfalls eine „vermeintliche Hodenkrebsuntersuchung“ vornehmen wollen. Dieser Junge, durch dessen Eltern es zum Ermittlungsverfahren gegen den Lehrer kam, habe den Mann mehrfach zurückgewiesen. Obwohl dieser ihn laut Urteil in seiner Autorität als Schulleiter von der „Untersuchung“ überzeugen wollte, ist es beim Versuch des sexuellen Missbrauchs geblieben. Köhler betont: „Der Angeklagte war fachlich nicht qualifiziert und dienstrechtlich nicht berechtigt für eine Hodenkrebsuntersuchung.“

Juristisch heißt das für den Richter, dass er die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in zwei Fällen bestätigt sieht, einmal in Kombination mit dem sexuellen Missbrauch eines Kindes. Dieser zweite Paragraf greift bei einer Tat zusätzlich, weil der Schüler unter 14 Jahre alt war. Im dritten Fall ist es demnach beim Missbrauchsversuch geblieben.

Gründe für Schuldspruch Weil in dem  Prozess seit dem ersten Verhandlungstag die Aussagen der beiden Opfer gegen die des ehemaligen Lehrers standen, nimmt sich Köhler sehr viel Zeit für die Urteilsbegründung. Der Schulleiter hatte von Missverständnissen gesprochen. Sein Verteidiger hatte versucht, die Glaubwürdigkeit der Opfer zu untergraben (der TV berichtete). Deshalb habe das Gericht die belastenden Aussagen der Schüler einer Glaubhaftigkeitsanalyse unterzogen, erklärt Köhler. Das Fazit: „Wir gehen davon aus, dass beide Kinder die Wahrheit gesagt haben.“ Die Jugendlichen hätten keine Motive, den Mann zu Unrecht zu belasten.

Hinzu kommt laut Gericht, dass das Opfer, das 2013 und 2014 bei der Familie übernachtet hat, erst spät in die Ermittlungen wegen versuchten sexuellen Missbrauchs als Zeuge hineingezogen wurde. Der Junge sei weder als Nebenkläger involviert noch in einem Zivilverfahren gegen den Angeklagten vorgegangen. Vor Gericht sei der heute 18-Jährige acht Stunden lang verhört worden. Dabei sei kein Zweifel an dessen Glaubwürdigkeit aufgekommen. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Falschaussage.

Warum Bewährung  Strafmildernd wirkt sich aus, dass die Taten schon länger zurückliegen. Zudem leidet der Verurteilte an einer Depression. Die sexuellen Handlungen selbst seien im Vergleich zu anderen Fällen dieser Art von kurzer Dauer gewesen, sagt der Richter. Die Opfer hätten zudem keine feststellbaren bleibenden Schäden. Gegen den 55-Jährigen spricht laut dem Urteil aber dessen herausgehobene Position: „Wenn es bei einem Schulleiter nicht geht, wem kann man überhaupt noch seine Kinder anvertrauen?“, fragt Richter Köhler rhetorisch. Der Mann habe schließlich eine Vorbildfunktion für andere Lehrer gehabt. Hauptgrund für die Aussetzung der Strafe zur Bewährung sind für Köhler die zu erwartenden dienstrechtlichen Konsequenzen: „Wenn das Urteil rechtskräftig ist, wird er aus dem Dienst entfernt.“ Der Mann, der 2017 vorläufig bei halbierten Bezügen suspendiert wurde, verliere dann seine Arbeit, sein Einkommen, seine Pension und sein soziales Ansehen.


Auflagen Damit die Bewährung greift, muss der Mann zwei Jahre straffrei bleiben. Zudem muss er in zehn Raten 5000 Euro an die Villa Kunterbunt in Trier überweisen, sobald das Urteil rechtskräftig ist.  Innerhalb einer Woche kann er eine Revision beantragen. Sollte sie zugelassen werden, würde der Bundesgerichtshof das Zustandekommen des Urteils prüfen.

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