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Legenden und Mumien

Kaufanreiz: Auch die Firma Liebig setzte auf die Ägypten-Begeisterung.Fotos: Mathias Orgeldinger (2), Museum (1)
Kaufanreiz: Auch die Firma Liebig setzte auf die Ägypten-Begeisterung.Fotos: Mathias Orgeldinger (2), Museum (1)

E s ist der 26. November 1922: Ein Loch in der Wand, zitternde Hände, eine brennende Kerze und "überall glänzendes, schimmerndes Gold!" Howard Carter's Entdeckerbericht sollte in der ganzen Welt gelesen werden. Im Januar 1923 war der Exklusivvertrag mit der Londoner "Times" perfekt, der die größte Pressekampagne in der Geschichte der Archäologie hervorbrachte. Seither hat die altägyptische Kultur ein werbeträchti-ges Synonym: Tutanchamun. Der "Mythos Tutanchamun" ist dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe auch nach 80 Jahren noch eine Ausstellung wert. Die anhaltende Ägyptomanie ist Thema und Werbestrategie in einem. Museumsshop und Rahmenprogramm sind im Grunde ein Teil der Aus-stellung. Indes steht der Besucher vor einem leeren Grab, nachgebaut im Maßstab 1:1. Denn keines der von Carter entdeckten Kunstwerke hat in den letzten 20 Jahren das Land am Nil verlassen. Zu sehen ist eine Statue des Gottes Amun, welche die Züge des 1323 v. Chr. verstorbenen Pharaos trägt. Weitere Exponate der hauseigenen Antikensammlung belegen den hohen Standard altägyptischer Kunst. Gut dokumentiert ist die Entdeckungsgeschichte des Grabes, gefolgt von einem Sammelsurium von Möbeln, Schmuck- und Gebrauchsgegenständen, Modeentwürfen und Werbemitteln mit ägyptischen Motiven. Dazu Zeichnungen, Fotos und Modelle ägyptisierender Bauwerke und Denkmäler in Karlsruhe und am Oberrhein. Das Tal der Könige in Oberägypten galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als ausgegraben. Archäologen, reiche Europäer und Amerikaner hat-ten scheinbar jeden Winkel durchwühlt und aufgesammelt, was die Grabräuber vergangener Zeiten zurückgelassen hatten. Zu dem Kreis der selbst ernannten Altertumsforscher gehörte auch der 5. Earl of Carnarvon. Der britische Lord war jedoch klug genug, die Feldarbeit einem Fachmann zu überlassen. Obwohl Howard Carter nie Archäologie oder Ägyptologie studiert hatte, war er der perfekte Ausgräber. Zielstrebig und systematisch erforschte er jahrelang eine bisher unberührte Bodensenke zwischen drei Königsgräbern. Um den Tourismus nicht zu stören, grub er an anderer Stelle. Erst in der letzten Saison, als Lord Carnarvon das Geld ausging, blockierte er den Eingang zum Grab Ramses' VI. und stieß auf eine Steintreppe und eine Mauer mit königlichem Siegel. Dann vermischen sich Realität und Fiktion zu einem modernen Märchen aus 1001 Nacht. Carter lieferte einen romantischen Entdeckerbericht, und Carnarvon organisierte die mediale Vermarktung. Obwohl die beiden längst wussten, dass sie nicht nur die Vorkammer, sondern auch das unversehrte Grab und die Schatzkammer Tutanchamuns entdeckt hatten, behielten sie ihr Arbeitstempo bei und inszenierten erst am 17. Februar 1923 die "Entdeckung" der Sargkammer. Wo andere Wissenschaftler um ihre Seele fürchten würden, nutzen Carnarvon und Carter den Pakt mit dem Massenmedium, um die "Verantwortung des Ausgräbers" hervorzuheben und eine breite Öffent-lichkeit für die archäologische Forschung zu interessieren. Carter versammelte ein Team von Spezialisten um sich. Trotz oder gerade wegen seiner Popularität konnte das Grab mit seinen 5000 Kunstwerken sorg-fältig dokumentiert und für die Nachwelt erhalten werden. Doch für die etablierten Ägyptologen war und blieb Howard Carter ein Außenseiter. Und da der "Jahrhundertfund" wenig Aufschluss über die Regierungszeit Tutanchamuns gab, verkrochen sich die Spezialisten recht bald wieder hinter ihren Grabstelen und Papyrusresten. Erst Mitte der 60er Jahre keimte das wissenschaftliche Interesse an den Funden wieder auf. In den Jahren 1980/81 erreichte eine Welttournee von 55 Objekten auch Deutschland. 3,6 Millionen Bundesbürger bestaunten die Goldmaske, das Königszepter und den Thronsessel. "Gold-Tuti" glänzte von T-Shirts und Tassen. Die Auswirkungen dieser zweiten "Tutmania"-Welle wirken bis heute nach. Tutanchamun, dessen Person weitgehend im Dunkeln liegt, starb schon im Alter von etwa 20 Jahren. Unter den Herrschern des Neuen Reiches gilt der "Kindkönig" meist als unbedeutender Pharao. Allerdings lebte er in einer sehr spannen-den Epoche. Es spricht einiges dafür, dass Tutanchamun entweder der Sohn oder der Bruder Echnatons war. Dieser "Ketzerkönig" brach mit dem traditionellen Glauben an eine Vielzahl von Göttern und erhob Aton in Gestalt der Sonnenscheibe zum alleinigen Gott Ägyptens. Mit Tutanchamun beginnt die "Gegenreformation". Vermutlich wurde er von der entmachteten Priesterschaft gezwungen, den alten Glauben an Amon wieder einzuführen und seinen Namen von Tutanchaton in Tutanchamun zu ändern. Aber das interessiert im Grunde nur die Ägyptologen. Neben Kleopatra, den Pyramiden, Obelisken und der Sphinx ist Tutanchamun vor allem ein Kristallisationspunkt für die Ägyptenbegeisterung des Abendlandes. Es war wohl diese Mi-schung aus gigantischen Bauwerken, geheimnisvollen Gängen, schwer entzifferbaren Hieroglyphen und mysteriösen Mumien, die die Menschen seit der Antike faszinierte. Nach einem Jahrtausend islamischer Abschottung konnten Reisende im 17. Jahrhundert wieder nach Oberägypten vordringen. Mit den Mumien kam auch die Vorstellung von den geheimnisvollen Zauberkräften der alten Ägypter nach Europa. Die Spur führt vom heilsamen Mumienpulver in der Apotheke des 18. Jahrhunderts über die Mumienfilme und den "Fluch des Pharao" bis zu einer esoterisch angehauchten Internet-Gemeinde, die im Land am Nil den Quell aller Weisheit sucht. Trotz vorbildlicher Ausgrabung konnten sich Carter und Carnavon nicht gegen den "Fluch des Goldes" wehren. Neidische Ägyptologen und die benachteiligte Weltpresse prangerten die "moderne Grabräu-berei" und die "Störung der Totenruhe" an. Als Lord Carnavon am 4. April 1923 überraschend an Blutvergiftung und Lungenentzündung starb, war die Legende vom "Fluch des Pharao" geboren. Der Adlige war zuvor von einer Mücke gestochen worden und hatte sich beim Rasieren verletzt. Dumme Zufälle sind das Salz in der Suppe der Legendenbildung. Sehr effektiv kann die Rache allerdings nicht gewesen sein: Von den 26 Menschen, die bei der Öffnung des Grabes anwesend waren, lebten 1934 immerhin noch 20. Carter selbst starb 1939 in London. Von einer Ausnahme abgesehen, hat der Autodidakt keinerlei akademische Ehrungen erfahren. • Badisches Landesmuseum Karlsruhe, Schloss, 76131 Karlsruhe Ausstellung bis 23. Februar 2003 Öffnungszeiten: Di-So 10-18 Uhr, Katalog: 15 Euro. MATHIAS ORGELDINGER