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Über den Wolken - Liedermacher Reinhard Mey spielt in der Trierer Arena

Über den Wolken - Liedermacher Reinhard Mey spielt in der Trierer Arena

Deutschlands bekanntester Liedermacher, Reinhard Mey, nimmt sein Publikum in der Arena Trier mit auf eine sentimentale Reise durch seine siebeneinhalb Jahrzehnte.

Keine Fotos. Nicht ein einziges offizielles Bild über den aktuellen Auftritt. So lautete die Ansage an die Presse. Hat er sich also nun auch eingereiht in die Riege jener Künstler, die die Kameras scheuen wie der Teufel das Weihwasser? Nicht ganz. Aber dazu später mehr.

Er stürmt auf die Bühne, als wäre er nicht 74, sondern 47. Höchstens. Und dann steht er da, ein Mann in Schwarz vor schwarzem Hintergrund. Kein Schnickschnack auf der Bühne, kein bunter Vorhang, keine Lichtshow, nur ein einziger Scheinwerfer, der den kleinen Diamanten im Ohr manchmal aufblitzen lässt. Nicht mal ein Hocker, um zwischendurch mal Platz zu nehmen. Immerhin dauert das Konzert gut zweieinhalb Stunden.

Und am Anfang denkt man: Hoppla, wird er das stimmlich durchhalten? Denn die Stimme klingt tatsächlich ein wenig heiser zu Beginn, als er den "Spielmann" anstimmt, eine Kürzestbiografie in G-Dur, in dem er sich kokett als "Stelzenläufer, Gaukler, Seiltänzer, Taugenichts, Lautenschläger und Traumverkäufer" bezeichnet in der beruhigenden Gewissheit, dass aus all diesen Jahrmarktsberufen eine respektable Karriere geworden ist.

Doch spätestens beim dritten Lied hat er sich eingesungen, sind die anfänglichen Holprigkeiten vergessen. Jetzt klingt er wieder so wie der Mann, der wie Orpheus singen wollte, ein bisschen dunkler vielleicht, rauer und reifer, aber das passt schon zu den Liedern seiner jüngsten CD, die den zunächst mysteriösen Titel "Mr. Lee" trägt - ein Rätsel, das erst am Schluss des Abends aufgelöst wird. Bis dahin trägt er vor, was man von einem Mey-Abend gewohnt ist: Geschichten über sein Berlin, das er Venedig und sogar Trier als Wohnort vorzieht, wobei er die Macken und Marotten der Hauptstadtbewohner (deren Herzlichkeit und Freundlichkeit vor allem Auswärtigen gegenüber) mit liebevoller Ironie aufspießt.

Er erzählt von einer lausigen Pizzeria am Reichstagsufer, in die die Gäste nur dank der unwiderstehlichen "Serafina" noch kommen; und er berichtet von einem verkorksten Urlaub auf Mallorca, wo er doch viel lieber in die beschauliche Uckermark gefahren wäre. Und wie seit Jahr und Tag beweist er, dass er in seinen Texten ein sehr spezielles Verhältnis zu Metrik und Versfuß hat, betont die Silben, wie's ihm passt oder wie's die Melodie gerade verlangt.
Liegt es an den fortgeschrittenen Jahren ("Wie viele Sommer wird's noch geben?", fragt er in einem Chanson), dass sein Repertoire alles in allem ein wenig melancholischer geworden ist? Vorbei die Jahre, da er sich über den Gärtner als Mörder, Annabelle oder den Beruf des Klempners oder Politikers lustig gemacht hat.

Offenbar ist die Zeit nicht geeignet für derlei Albernheiten. Stattdessen streut er eine Prise Sozial- und Gesellschaftskritik aus den Saiten, ermahnt die Menschen, angesichts der "beiden geistesgestörten Clowns", die mit der Atombombe hantieren (einstimmiger Applaus in der vollbesetzten Arena), "Sei wachsam", und schwelgt in sentimentalen Erinnerungen an seine drei Kinder, von denen er eines bereits verloren hat. Über derlei schmerzliche Verluste hat er schon als junger Mann gesungen; und dieses Thema beschäftigt ihn immer noch und immer wieder. Hier kommt "Mr. Lee" ins Spiel: Der ebenso unheimliche wie höfliche Mann ist der asiatische Bruder von Freund Hein, und wie sein deutsches Pendant kommt und geht und nimmt er mit, wie und wann und wen er will: "Mister Lee sagt nie Bescheid, nennt kein Reiseziel."

Eigentlich wollte Mey "Über den Wolken" erst wieder 2024 in Trier singen, habe er bei seinem letzten Gastspiel an der Mosel versprochen, aber jetzt auf einmal doch Lust darauf gekriegt. Also interpretiert er seinen berühmtesten Song auch an diesem Abend, tatkräftig unterstützt vom mehrtausendstimmigen Arena-Chor. Dazu schwenkt ein Grüppchen isolierter Romantiker bunte Leuchtstäbe auf den Rängen. Ach ja, noch ein Wort zu den Fotos: Am Ende bedankt Mey sich beim (wirklich disziplinierten) Publikum, dass es sich mit dem Fotografieren zurückgehalten hat (in der Tat sind während des Konzerts keine Handys gezückt worden). Man könne entweder gut aussehen oder gut singen, begründet er das Bilderverbot.

Nur ein Lied gebe es, bei dem diese Regel ausgesetzt sei. Dann gibt er Feuer frei zum Knipsen, und innerhalb weniger Sekunden ist die Bühne dicht umlagert von Fans, die eifrig ihr Telefon benutzen, während sich der Liedermacher mit "Gute Nacht, Freunde" von ihnen verabschiedet.