Elefantenhochzeit auf der Schiene

Elefantenhochzeit auf der Schiene

ICE und TGV gehen zusammen. Mit dem "Airbus der Schiene" wollen Siemens und Alstom der chinesischen Konkurrenz die Stirn bieten.

München/Paris Die Brautleute hatten lange miteinander verhandelt und am Dienstagabend war die Ehe dann perfekt: Siemens und der französische Zugbauer Alstom wollen ihre Bahnsparten zusammenlegen.
Im Klartext bedeutet das eine Hochzeit der beiden Hochgeschwindigkeitszüge ICE und TGV, die von den bisherigen Konkurrenten produziert werden. "Wir setzen die europäische Idee in die Tat um und schaffen gemeinsam mit unseren Freunden bei Alstom auf lange Sicht einen neuen europäischen Champion der Eisenbahnindustrie", erklärte Siemens-Chef Joe Kaeser.
Mit dem Mega-Deal reagierten die Unternehmen auf die Konkurrenz durch den chinesischen Marktführer CRRC. Das Staatsunternehmen, das 2015 durch eine Fusion zum Weltmarktführer wurde, hat bereits in Tschechien als erstem EU-Land einen Auftrag ergattert.
Das neue deutsch-französische Unternehmen, das künftig Siemens Alstom heißt, will dahinter zur Nummer zwei werden. Es verpflichtet sich für die nächsten vier Jahre, die Standorte und Arbeitsplätze zu erhalten. Während die IG Metall den Zusammenschluss als "potenzielle europäische Chance" begrüßte, warnten die französischen Gewerkschaften vor Arbeitsplatzabbau. "Als die Energiesparte 2014 an General Electric ging, wurde die Schaffung von 1000 Arbeitsplätzen in drei Jahren versprochen. Seither wurden 1200 Stellen abgebaut", sagte der Alstom-Gewerkschafter Patrick de Cara in der Zeitung Le Monde.
Siemens hatte sich 2014 schon einmal um Alstom bemüht und für die Energiesparte gegen General Electric geboten. Der Münchner Konzern, der Alstom im Gegenzug seine Verkehrssparte überlassen wollte, verlor damals gegen das US-Unternehmen. "Das Timing passte nicht, doch die Dinge ändern sich. Wichtig ist die aktuelle Situation", sagte Kaeser am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in einem Pariser Hotel.
"Wir werden alle Seiten überzeugen, dass es die beste Lösung ist." In Frankreich herrscht Skepsis über die starke Rolle von Siemens in der neuen Struktur. Der deutsche Konzern soll im Verwaltungsrat mit sechs von elf Sitzen die Mehrheit haben und mit 50,5 Prozent Kapitalanteil auch neuer Mehrheitseigner werden. Im Gegenzug ist der Sitz des neuen Unternehmens, das in Frankreich börsennotiert sein soll, in Saint Ouen bei Paris.
Vorstandsvorsitzender soll der derzeitige Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge werden. "Wir haben ein Führungsmodell, das gleichgewichtig ist", versicherte Kaeser. "Die Prozentzahlen haben keine Bedeutung. Wir sitzen bei diesem Abenteuer alle in einem Boot." Dennoch schrieb Le Monde von einer "Hochzeit mit deutschem Akzent". "Wird der TGV jetzt deutsch?"" fragte der frühere konservative Haushaltsminister Eric Woerth im Kurznachrichtendienst Twitter. "Warum akzeptiert die Regierung ein solches Ungleichgewicht?" Alstom, das seit mehr als 40 Jahren den TGV baut, gehört in Frankreich immer noch zum industriellen Tafelsilber. Deshalb rettete der Staat im vergangenen Jahr mit einem Großauftrag über 15 TGV auch das Stammwerk im ostfranzösischen Belfort.
Wirtschaftsminister Bruno Le Maire sprach von einer Partnerschaft unter Gleichen, die die Wettbewerbsfähigkeit von Alstom stärke. "Diese Operation zeigt den Willen der Regierung, das industrielle Europa und die europäische Wirtschaftspolitik zu stärken", erklärte Le Maire.
Das neue Unternehmen, das noch das grüne Licht der Wettbewerbsbehörden braucht, hat einen Auftragsbestand von 61,2 Milliarden Euro und erwirtschaftet einen Umsatz von 15,3 Milliarden Euro. Der neue "Airbus der Schiene" beschäftigt 62 300 Angestellte in mehr als 60 Ländern. In Deutschland betrifft die Fusion über 13 500 Beschäftigte.