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Risiko-Studie: Wenn es in Tihange kracht, ist die Region Aachen unbewohnbar

Tihange/Berlin. Die Grünen-Bundestagsfraktion fordert die Bundesregierung auf, wie vom belgischen Atomkraftwerk Tihange auch von der Anlage im französischen Cattenom Daten anzufordern. Um dann zu berechnen, wie groß das Strahlenrisiko bei einem Reaktorunfall wäre. Bernd Wientjes

Tihange/Berlin. Es ist ein düsteres Szenario, das in der 20-seitigen Studie des Wiener Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften gezeichnet wird: Bei einem schweren Reaktorunfall im nahegelegenen belgischen Atomkraftwerk Tihange würden die Stadt Aachen und die umliegende Region stark verstrahlt und wären unbewohnbar.

Doch die Bundesregierung hält die Erkenntnisse der detaillierten Studie, die von der Städteregion Aachen in Auftrag gegeben worden war, für nicht ausreichend, um darauf aufbauend eine entsprechende Katastrophenschutzplanung für Aachen und das umliegende Städtenetzwerk zu erarbeiten. Das geht aus einer Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen hervor.

Man habe die belgische Regierung gebeten, Unterlagen über das Atomkraftwerk Tihange, in dem es immer wieder zu Pannen und Reaktorabschaltungen kommt, zur Verfügung zu stellen, heißt es in der Antwort. Danach werde das Bundesamt für Strahlenschutz beauftragt, eigene Berechnungen über die mögliche Strahlenausbreitung nach einem Reaktorunfall in Tihange vorzunehmen.

Die Katastrophenschutzplanung des Bundes sieht Evakuierungen im Umkreis von 20 Kilometern auch bei grenznahen Atomkraftwerken vor. Tihange liegt aber etwa 70 Kilometer von Aachen und gut 140 Kilometer von Prüm entfernt.
Bereits 2012 wurden in dem Reaktor Haarrisse festgestellt. Die Studie untersucht, inwieweit diese dazu führen können, dass der Reaktor bersten und damit radioaktive Strahlung freigesetzt werden könnte. Bei ungünstiger Witterung und Windrichtung wäre die Region um Aachen stärker verstrahlt als die Umgebung um das japanische Fukushima, heißt es in der Studie. In der japanischen Stadt hatte es 2011 nach einem Tsunami eine Atomkatastrophe gegeben.

Die atompolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Sylvia Kotting-Uhl, ist empört über die Antwort des Bundesumweltministeriums auf die Anfrage ihrer Fraktion: "Seit 2012 wissen wir von der Zeitbombe an unserer Grenze. Vom Bundesministerium, das aufgrund des atomaren Risikos den Ausstieg beschlossen hat, erwarte ich, den Gefahren dieser Zeitbombe auf den Grund zu gehen", sagt die Politikerin. Sie fordert, dass das Ministerium auch von den grenznahen französischen Atomkraftwerken im lothringischen Cattenom und in Fessenheim im Elsass entsprechende Daten wie von dem in Tihange anfordert, um auch das Risiko dieser Anlagen berechnen zu können. Dafür sieht man in Berlin jedoch keine Notwendigkeit.

Mit einer Untersuchung von ausgewählten deutschen Standorten von Atomkraftwerken seien "tragfähige Grundlagen für die Katastrophenschutzplanung geschaffen", sagte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums auf Anfrage unserer Zeitung. Daher müssten diese nicht für jeden weiteren Standort überprüft werden. Die Pannenanfälligkeit von Cattenom spielt im Ministerium offenbar keine Rolle.