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Darum schließt dieser Schatz eine Lücke in Bitburgs Stadtgeschichte

Darum schließt dieser Schatz eine Lücke in Bitburgs Stadtgeschichte

2011 hat Stephan Garçon bei einer Ausgrabung im Bitburger Kobenhof einen Teil von einer Fibel entdeckt. Die wäre fast verschollen geblieben und hilft nun Historikern. Heute bringt dieses kleine Stück Glas Licht in ein dunkles Jahrhundert.

Stephan Garçon liegt auf dem Boden. Mit einer kleinen Hacke trägt er die Erdschicht ab - Millimeter für Millimeter. Er muss vorsichtig sein, ganz genau hinsehen. Nichts Wertvolles soll beschädigt oder übersehen werden. An diesem Tag im August 2011 wird er etwas finden, was er später als "seinen kleinen Jahrhundertfund" bezeichnen wird.
Dabei ist Garçon gar kein Archäologe. Seit seinem achtzehnten Lebensjahr hilft der Bitburger ehrenamtlich bei Grabungen des Rheinischen Landesmuseums Trier aus. Die Forscher sind auf die Hobby-Archäologen wie den Bitburger angewiesen. Anders bliebe wohl so Manches in der Erde verborgen - zum Beispiel die Glaskameo-Fibel von Bitburg. Aber von Anfang an:
2011 werden im Bitburger Kobenhof, einer Seitengasse der Hauptstraße, neue Kanäle verlegt. Immer wenn die Schaufeln der Bauarbeiter ruhen, packen die Archäologen und ihre Helfer die ihren aus. Sie wollen herausfinden, wie das römische Kastell des antiken Beda von innen aussieht. "Wir suchen hier nicht nach dem großen Einzelfund", gibt Grabungstechniker Marcus Thiel einer TV-Reporterin seinerzeit zu Protokoll. Und doch werden sie einen entdecken. Garçon kommt an diesem Tag nur für einige Stunden vorbei. Kurz vor Feierabend sieht er etwas schimmern. Ein kleiner Gegenstand ragt aus einem Schutthügel heraus. Die Erde sollte eigentlich abtransportiert werden. Der Schatz wäre verloren gewesen. Aber Garçon sieht ihn und zieht ihn aus dem Hügel.
In der Hand hält er eine Glasscheibe. Sie ist zweieinhalb Zentimeter lang und zwei Zentimeter breit. Die Vorderseite zieren Perlen, die Rückseite ist glatt.
Garçon stülpt sie sofort in eine Plastiktüte. Er weiß noch nicht, dass die Kameo aus undurchsichtigem Glas besteht. Wäre sie aus Knochen, könnte sie an der Luft zu schimmeln beginnen. Ein Archäologe packt Garçons Fund zu anderen in eine Kiste. Alles wird zusammen ins Landesmuseum gebracht und dort ausgewertet. Ein mühsames Puzzlespiel beginnt. Es vergeht viel Zeit, bis die Forscher wissen, was Garçon da eigentlich gefunden hat. Erst der Besuch in einem Museum in Mannheim, wo ein ähnliches Stück zu sehen ist, bringt Thiel auf die richtige Fährte. Er ist sich sicher: Es ist die Einlage einer Fibel. Solche Anstecker wurden im Frühmittelalter wohl von reichen Frauen als Schmuck getragen.
All das erfährt Garçon zunächst nicht. Sechs Jahre hört der Bitburger kein Wort mehr von seiner Glasscheibe. Bis jetzt. Kürzlich wurde der 48. Band der Zeitschrift "Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier" veröffentlicht. Diese Publikation, die sich mit der Arbeit des Landesmuseums befasst, erscheint nur einmal im Jahr. Auf zehn Seiten widmen sich die Autoren Marcus Thiel und Ferdinand Heimerl, Garçons Fibel. Als der geschichtsinteressierte Bitburger das Kapitel liest, wird ihm klar, dass er eine Sensation entdeckt hat.
Dort steht: Erst sechs Mal sind vergleichbare Kameen auf der Welt aufgetaucht. Garçon hat die siebte gefunden. Aber damit nicht genug: Das kleine Stück Glas schließt außerdem eine Lücke in der Bitburger Stadtgeschichte. Dass bereits die Römer im alten Beda siedelten, ist unstrittig. Münzen, Kämme und Keramik, die die Forscher ausgruben, belegen das. Jüngere Belege fehlten aber bis heute. Der Fund der Kameo ändert das. Denn sie stammt aus dem achten Jahrhundert und kann daher als Beweis dafür herhalten, dass das Kastell von der Römerzeit bis ins Mittelalter bewohnt war. "Das war ein echter Glücksfund", sagt Grabungstechniker Thiel heute, der damit 2011 nicht gerechnet hatte. Aber auch die Scherben, die die Forscher im Kobenhof aus der Erde geholt haben, seien beachtlich. "Das waren nur ein paar Krümel", sagt der Archäologe. Die Reliefs und das Material hätten aber einiges über die Besiedlung Bitburgs verraten.
Vielleicht werden in Zukunft noch weitere Geheimnisse um die Vergangenheit der Stadt gelüftet. Noch sind ja nicht alle Funde aus der Grabung am Kobenhof ausgewertet. Der ein oder andere Schatz ist sicher noch darunter - auch wenn er sich auf den ersten Blick womöglich nicht zu erkennen gibt.
Den 48. Band der Publikation "Funde und Ausgrabungen im Bezirk Trier" mit dem Artikel von Heimerl und Thiel kann man für 8 € im Museumsshop oder im Online-Shop des Rheinischen Landesmuseums Trier kaufen. Zur Geschichte

Bitburg wurde vor rund 2000 Jahren von den Römern gegründet. Der Name der Siedlung lautete damals noch Vicus Beda. "Beda" stammt vom lateinischen Wort "Betula"ab und bedeutet so viel wie "Birke". Bitburg war also das "Birkendorf".
Dieses Dorf wurde dann etwa um das Jahr 330 unter Kaiser Konstantin zu einer Burg ausgebaut. Reste des Kastells sind heute noch zu sehen. Durch die Funde vom Kobenhof ist nun belegt, dass diese Mauern bis ins Mittelalter bewohnt waren.