Glaube im Alltag

Eigentlich merkwürdig, dass ich den Tag noch weiß - ausgerechnet Ostersonntag 1963. Ich, der neunjährige Junge, lag abends bereits im Bett, als mich unerwartet die Erkenntnis traf, dass ich irgendwann einmal sterben würde. Natürlich wusste ich um den Tod, aber diese brutale Wahrheit, dass mir nur eine bestimmte Frist zum Leben vergönnt war, hatte mich nie so unmittelbar gepackt.

Nach bangen Minuten tröstete ich mich mit der Überlegung, dass ich ja noch viele Jahre Zeit hätte, mich mit dem Problem auseinanderzusetzen, bevor es ernst würde. Im Spiel meines Lebens hatte der Tod erst einmal eine Zeitsperre. Viele Jahre später ist mir klar geworden, dass es nicht unsere Fähigkeit zu sterben ist, woran wir zugrundegehen, sondern unsere Unfähigkeit zu leben. Von der Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz stammen die Worte: "Manchmal stehen wir auf. Stehen wir zur Auferstehung auf. Mitten am Tage. Mit unserem lebendigen Haar. Mit unserer atmenden Haut!" Heute bin ich überzeugt davon, dass es nichts bringt, an die Auferstehung zu glauben wie an ein fremdes fernes Geschehen am Ende der Tage. Ein Ostermorgen wäre nicht möglich, und wir hätten in diesen Tagen keinen Grund zu feiern, wenn wir es nicht fertigbrächten, diese österliche Lebendigkeit immer wieder mitten in diesem Leben zu erfahren. Das Ereignis der Auferstehung Jesu ist nicht in unser doch sehr begrenztes Koordinatensystem von Raum und Zeit einzuordnen. Und Ostern will nicht einfach auf ein besseres Jenseits vertrösten, will nicht sagen: Es wird schon nicht so schlimm werden. Nein! Wer es noch fertigbringt, die Osternacht richtig zu feiern, der spürt: Heute ist Ostern! Heute ist Auferstehung! Jesus lebt im Heute! Das Leben nach dem Tod beginnt hier und jetzt. Es gibt keine Grenze zwischen Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit. Wir werden nicht erlöst, wir sind erlöst. Und es ist unsere Berufung, als erlöste Menschen unseren Weg in dieser Welt zu gehen. Mit der Erkenntnis, dass es wohl gar nicht darauf ankommt, lange zu leben, als vielmehr richtig und wahr zu leben. Es trägt uns dabei die Zuversicht, dass eine solchermaßen österliche Existenz im zeitlichen Tod nicht in den schwarzen Abgrund der Absurdität stürzt, sondern gewandelt wird zu ganz neuer Lebendigkeit. Der heilige Augustinus soll einmal gesagt haben: Ein Osterfest, richtig gefeiert, das kann einen Menschen verändern. Ich wünsche allen frohe und gesegnete Ostern. Dechant Klaus Bender, Kyllburg