Aktiv gegen die Hyperaktivität - Die bewegende Geschichte eines ADHS-Kranken

Aktiv gegen die Hyperaktivität - Die bewegende Geschichte eines ADHS-Kranken

Der ADHS-Kranke Wolfgang Ott macht auf seiner Lauf-Tour in Trier Station und erzählt dabei seine bewegende Geschichte.

Drei Läufer sind an einem sonnigen Samstagnachmittag unterwegs im Palastgarten - auf den ersten Blick keine ungewöhnliche Sache. Wäre da nicht der Mann in der Mitte mit der Aufschrift auf seinem Shirt: "Ich habe ADHS." Wolfgang Ott ist von seinem Wohnort Pirmasens aufgebrochen zu einer Running-Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, um eben diese Nervenerkrankung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Immer wieder begleiten ihn dabei Freunde und Unterstützer, in Trier sind es Mevlyt Meyer und Peter Franzelius.

Bei Kindern ist es mittlerweile ins Bewusstsein gerückt, auffällige Hyperaktivität tut man nicht mehr so leichtfertig wie früher als "Zappelphillip" ab. Wird ADHS frühzeitig diagnostiziert, kann gegen die extreme Auswirkung der Symptome etwas getan werden. Viele Erwachsene hatten in ihrer Kindheit diese Chance aber nicht, und so leben sie seit Jahren mit den Auswirkungen - oft ohne zu wissen, warum. Genau sie will Ott erreichen und ihnen die Botschaft vermitteln: "Man kann damit leben, und dieses Leben hat einen Sinn." Er weiß, wovon er redet, kämpfte er doch selbst 44 Jahre lang mit unbehandeltem ADHS. Berufsleben, private Beziehungen - immer wieder machte ihm die Hyperaktivität einen Strich durch die Rechnung, immer wieder zog sein für andere ungewöhnliches Verhalten Ausgrenzung nach sich. Dabei habe ADHS an sich keineswegs nur negative Begleiterscheinungen. "Es gibt Untersuchungen, die nachgewiesen haben, dass mit den Erbanlagen für ADHS meist ein erhöhter Intelligenzquotient einhergeht", gibt Ott ein Beispiel. Auch eine offene und bisweilen überschwängliche Herzlichkeit sei häufig anzutreffen. Mevlyt Meyer, den Ott vom Fußballsport her kennt, hat es bei sich selbst beobachtet: "Auch wenn ich jemanden zum ersten Mal treffe, habe ich gleich das Bedürfnis, ihn zu umarmen."

Doch werde das von ADHS getriebene Verhalten von der Umwelt eben meist anders wahrgenommen. "Man steht ständig unter Strom, kann keine Sekunde ruhig bleiben. Das geht dann auf der Arbeit irgendwann Kollegen auf die Nerven", berichtet Ott von eigenen Erfahrungen. Auch beim Fußball hat er es erlebt: "Da bekam ich dann zu hören: Du bist ein Super-Torwart, aber menschlich geht das gar nicht." Wenn man dann nicht wisse, warum das eigene Verhalten als störend empfunden wird, wachse der psychologische Druck.
Der Moment der Erkenntnis kam bei ihm, als seine Frau ihn vor zwei Jahren drängte, sich auf ADHS untersuchen zu lassen. Zunächst wollte er sich diese Möglichkeit nicht eingestehen: Das in der Gesellschaft immer noch spürbare Stigma einer als psychische Störung missverstandenen Erkrankung hemmte. "Als erwachsener Mann fällt einem so ein Eingeständnis schwer. Aber ich liebe diese Frau, und deshalb habe ich die verschriebenen Medikamente dann genommen", sagt er. Wie ein Schleier, der bisher alle Wahrnehmung trübte, sei die bestimmende Kraft des ADHS abgefallen. "Drei Tage lang habe ich nur geheult", erinnert sich Ott an diese überwältigende Erfahrung.

Seitdem schöpfe er aus dem neu gewonnen Blick aufs Leben Kraft und will nun anderen helfen. Nach dem Start seiner Kampagne "Running Miles" vor wenigen Wochen in Saarbrücken habe er bereits über 2000 Meldungen auf seinem Facebook-Profil bekommen, berichtet Wolfgang Ott.
Aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und sogar aus Übersee schilderten Menschen, dass sie sich in seinen Beschreibungen der ADHS-Symptome widererkennen.
Als nächsten Schritt sammelt Ott für die von ihm gelaufenen Kilometer Spenden, und er ist im Gespräch mit verschiedenen Partnern, um damit ADHS-Projekte zu unterstützen.WAS ADHS BEDEUTET

Extra

ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Es handelt sich um eine neurobiologische Erkrankung, bei der es zu einer teils veränderten Informationsübertragung zwischen Nervenzellen im Gehirn kommt. Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität sind die häufigsten Folgen. Als Ursachen wirken Erbanlagen und äußere Einflüsse wie das soziale Umfeld in Kombination.