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"Turbo-Abitur" am Mäusheckerweg wird salonfähig

Das Hauptgebäude des Friedrich-Spee-Gymnasiums am Mäusheckerweg in Trier-Ehrang. TV-Foto: Albert Follmann
Das Hauptgebäude des Friedrich-Spee-Gymnasiums am Mäusheckerweg in Trier-Ehrang. TV-Foto: Albert Follmann FOTO: (h_tl )
Trier-Ehrang/Schweich. Vor einigen Jahren stand das Friedrich-Spee-Gymnasium (FSG) in Trier-Ehrang noch auf der Kippe. Inzwischen sind die Anmeldezahlen am einzigen G-8-Gymnasium der Region gestiegen. Dass das Schulmotto "Zeit ist unsere Stärke" durchaus kein Widerspruch zum "Turbo-Abitur" nach zwölf Jahren sein muss, zeigen Gespräche mit Schülern, Eltern und Lehrern. Albert Follmann

Trier-Ehrang/Schweich. Das FSG hat schon einiges mitgemacht. Im Jahr 2012, nach der Hauptschulreform, stand das Gymnasium am Abgrund. Damals war das FSG schon vier Jahre lang G-8-Schule - das einzige Gymnasium in der Region Trier, an dem Schüler nach zwölf statt nach 13 Jahren ihr Abitur machen konnten. Das Image war nicht das Beste. Der Begriff "Turbo-Abitur" war negativ behaftet; landläufige Meinung war, der gleiche Lernstoff werde in kürzerer Zeit durchgepeitscht und die Schüler hätten zu viel Stress.
Hinzu kam ein weit auseinanderklaffendes Leistungsniveau in der gemeinsamen Orientierungsstufe mit der benachbarten Realschule. Jugendliche mit Förderbedarf und Hauptschüler saßen in einer Klasse mit Schülern, die das Zeug zur Realschule oder zum Gymnasium hatten. Die öffentliche Wahrnehmung des Schulstandorts am Mäusheckerweg war diffus, sie pendelte zwischen Elite-Gymnasium und Chaos-Penne. Die Folge war, dass es 2012 nur 81 Anmeldungen gab - für Gymnasium und Realschule zusammen.
Seit Auflösung der gemeinsamen Orientierungsstufe im Jahr 2013 - diese hatten Lehrer, Schüler- und Elternvertreter des FSG vehement beim Bildungsministerium gefordert - sei ein klarer Aufwärtstrend erkennbar, sagt Schulleiter Kajo Hammann.Hausaufgaben in der Schule


Für das kommende fünfte Schuljahr liegen beim Gymnasium 76 Anmeldungen vor, bei der Realschule plus sind es 61 (siehe Extra). Hammann legt Wert auf die Feststellung, dass seine Schule die angestrebte Dreizügigkeit auch ohne "Schülerlenkung aus Schweich" erreicht hat. Im März waren auf Weisung der Schulbehörde knapp 100 Schüler, die an der Orientierungsstufe am Schulzentrum Schweich angemeldet waren, abgewiesen worden (der TV berichtete). Dort wurde zum Ärger vieler Eltern bei 225 Schülern in neun Klassen der Deckel zugemacht, obwohl Gymnasium und Realschule in Schweich nach eigener Aussage noch freie Kapazitäten gehabt hätten. 13 dieser abgewiesenen Schüler sind laut Schulleiter Hammann am FSG untergekommen.
Hammann, seit August 2012 am FSG, räumt Fehler ein: "Wir haben die Reißleine zu spät gezogen." Heute befinde sich die Ganztagsschule in einem Konsolidierungsprozess. G 8 bedeute zwar rechnerisch ein halbes Jahr weniger Schulzeit als beim G-9-Gymnasium, sagt der Schulleiter, dennoch böte diese Organisationsform viele Möglichkeiten, den ganzen Menschen zu fördern: "Die Schüler sollen zwischen 8 und 16 Uhr eine Heimat haben. Schule soll nicht nur aus Pauken bestehen, die Jugendlichen sollen sie als Lebensort begreifen, an dem sie willkommen sind."
An Angeboten mangelt es am FSG wahrlich nicht. Es gibt 52 Arbeitsgemeinschaften (AG), wobei der Sport einen Schwerpunkt bildet (20). Die Bibliothek ist groß und gut ausgestattet, es gibt eine Mensa und eine Sporthalle (vor vier Jahren neu gebaut) und einen "Raum der Stille". Der Trierer Künstler Sebastian Böhm leitet die AG "Freies Zeichnen" und öffnet sein Schulatelier fürs Werken und Boßeln.
Wenn die Schüler nach 16 Uhr nach Hause kommen, haben sie Freizeit. Die Hausaufgaben sind dann unter Aufsicht eines Fachlehrers in SAB-Stunden (Selbstständiges Arbeiten) gemacht.
Spricht man mit Schülern des ersten G-8-Jahrgangs, die jetzt kurz vor den schriftlichen und mündlichen Prüfungen stehen und Ende Juni die Schule verlassen, so wird das Klischee von stressiger Schulzeit und "Turbo-Abitur" nicht bedient. Im Gegenteil. Betont wird der familiäre Charakter der Schule, das überschaubare Umfeld und die schöne Lage (siehe Schülerstimmen). Auch Mütter, die Kinder auf unterschiedlichen Gymnasien haben und damit beide Schulformen gut miteinander vergleichen können, sehen im Gespräch mit dem Volksfreund Vorteile im G-8-System und geben dem FSG gute Noten. Ute Lindig, Vorsitzende des Schulelternbeirats, stellt einen "stabilen Aufwärtstrend" fest. Das FSG habe die Zeit genutzt, die Lehrpläne anzupassen.
Wenn es denn einen Kritikpunkt gibt, dann betrifft es die teilweise schlechte ÖPNV-Anbindung zum FSG aus Teilen der Verbandsgemeinde Trier-Land und dem oberen Ruwertal.Extra

Am Friedrich-Spee-Gymnasium gibt es erst- und letztmalig einen doppelten Abi-Jahrgang. Im März gingen 84 Abiturienten ab, die eine neunjährige Schulzeit hinter sich haben. Der erste G-8-Jahrgang mit 59 Schülern folgt in wenigen Wochen. Wir haben drei G-8-Schüler gefragt, was sie an ihrer Schule besonders schätzen: Lorenz Pak (18) sagt: "Wir sind hier mehr im Grünen als in den städtischen Gymnasien, unsere Schule ist sehr übersichtlich." Maria Zenner (18): "Unsere Schule ist sehr familiär, man kennt sich untereinander." Christoph Lindig (18): "Hier können wir viel Zeit mit Freunden verbringen."(alf)/TV-Fotos (3): Albert Follmann