Zwei rechts, zwei links: Designer stricken Möbel

Zwei rechts, zwei links: Designer stricken Möbel

Gestrickte Strümpfe und Schals - ein alter Hut. Da geht noch was anderes: Möbeldesigner haben das Stricken entdeckt und fügen Masche an Masche aus Wollfäden, Papier oder Elektrokabeln aneinander. Und stecken Sessel, Poufs und Lampen in neue Gewänder.

Vor gut zehn Jahren nahm die neue Lust am Stricken ihren Anfang. Von trendbewussten Handarbeiterinnen ins Leben gerufene Initiativen in New York, Paris und Berlin scharen seitdem immer mehr Fans um sich, die sich zum kollektiven Stricken treffen. Nicht nur Pullover und Pulswärmer rutschen von den Nadeln, sondern es werden sogar Telefonzellen, Laternenpfähle und Bäume eingestrickt. „Guerilla Knitting“ nennt sich das.

Diese unkonventionelle Art der bunt-anarchischen Fröhlichkeit hat anscheinend nun auch Möbeldesigner angesteckt. In diesem Jahr sieht man von Möbelmesse zu Möbelmesse mehr Strickwaren. „Ich habe als Kind das Stricken von meiner Mutter gelernt und habe es von Zeit zu Zeit immer wieder gemacht“, sagt Liene Jakobsone vom Designbüro Sampling. „Aber jetzt habe ich es das erste Mal für die Gestaltung meines Stuhles 'Cushhh' eingesetzt.“ Die lettische Designerin bietet ihr Sitzmöbel aus Eichenholz mit Kissen aus gestrickter Wolle und gehäkeltem Leinen an. „Das erinnert mich an die mollige Wärme und Behaglichkeit der von meiner Oma selbst gemachten Dinge.“

Genau darin liegt der Trend: Gemütlichkeit entsteht nicht in durchgestylten Wohnungen, sondern durch ein individuelles Aufeinandertreffen von Möbeln und Accessoires aus unterschiedlichen Materialien. Diese Individualität schätzt Myra Klose mit ihrem Label MYK. Sie und ihr Team bereiten handverlesene Vintage-Stühle auf, die dann ein Kleid aus Bommeln bekommen. „Nachdem ich jahrelang als Modedesignerin gearbeitet habe und dann meiner zweiten Leidenschaft, dem Interieurdesign, nachgehen wollte, entstand der Gedanke, beides zu fusionieren“, sagt Myra Klose.

Um ökologische Aspekte geht es den Gestalterinnen von hettler.tüllmann. Die Berlinerinnen haben mit „Paper Planet“ eine Sitzmöbel-Kollektion mit Sitzflächen im Stricklook entworfen - aus recyceltem Papier. „Bei jedem neuen Projekt beachten wir vor allem den Aspekt der Nachhaltigkeit“, sagen Jula Tüllmann und Katja Hettler. „Papier eignet sich hervorragend für unsere Sessel, denn einmal geschnitten, gefaltet, gezwirbelt und gestrickt bekommt es eine sehr stabile, ja robuste Struktur.“

Die brasilianische Designerin Nicole Tomazi hat mit ihrem Stuhl „Judith“ einen Entwurf zu der Granny-Kollektion von WA.DE.BE aus Paris beigesteuert. Die Stahlstruktur mit Holzsitz ist mit einem groben Seil aus recycelten Stoffen umstrickt. Diese Arbeit führen „Grannys“ (dt.: Omas) aus: alte Frauen in Paris, die nicht genug Geld zum Leben haben, wie Gerard Wantz, Mitinhaber der Firma, erläutert.

Pierre Kracht und Katrin Füser vom Dortmunder Designbüro Fremdform treiben die Strickidee in gestalterischer Hinsicht auf die Spitze: Sie bieten eine Art Teppich an, ein grob gestricktes Etwas aus einem schwarzen Verlängerungskabel, bei dem die Technik zum Gestaltungselement wird und gleichermaßen Funktionsträger bleibt. Ihre Leuchte „Käte“ bieten sie nicht nur fertig, sondern ambitionierten Strickern sogar als Bausatz an.

Modedesign und moderne Inneneinrichtung zusammenzubringen: Das ist das Ziel der Designerin Myra Klose von MYK. Das Ergebnis ist ein Rosenpouf aus Merino-Wolle. Foto: MYK.
Ein neuer Look: Aus recyceltem Papier ist dieser Stuhl in Strickoptik von hettler.tüllmann gefertigt. Foto: hettler.tüllmann.
Die Schalen „Nubi“ von Nomad werden mit dem Finger gehäkelt - damit sie stabil sind, haben manche Objekte innen eine Kunstharzschale. Foto: Nomad.

Die Hamburgerin Jutta Werner vom Designbüro „Nomad“ war eine der ersten, die die Symbiose von Wohndesign und Handarbeit in Angriff nahm. Seit einigen Jahren häkelt sie Körbe, Vasen und Schalen aus dicker Wolle mit den Fingern. Manche von den „Nubi“ genannten Objekten haben als stabilisierendes Innenleben eine feste Kunstharzschale. Mehr als 50 Stück soll es von keinem der Entwürfe geben. „Ich möchte lieber nicht im großen Stil produzieren, sondern alles kleiner und persönlicher belassen“, sagt die Inhaberin von Nomad Design.

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