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Bischöfliche Weingüter: Triers Imperium unter Tage

Im Dienst der Trauben: Karsten Weyand, Direktor der Bischöflichen Weingüter.
Im Dienst der Trauben: Karsten Weyand, Direktor der Bischöflichen Weingüter. FOTO: Arnoldi Grafik- und Fotodesign
Trier. Von wegen des Bischofs privater Weinkeller – die Bischöflichen Weingüter sind durch und durch ein Wirtschaftsunternehmen. Direktor Karsten Weyand erklärt, wie er die Güter gewinnbringend in die Zukunft führen möchte. Verena Schüller

Von der Gervasiusstraße 1 bis zur Weberbach 75 sind es zu Fuß nicht einmal fünf Minuten - oberirdisch. Unter der Erde sieht das anders aus. Rund 30.000 Quadratmeter Keller verzweigen sich dort. Von den Bischöflichen Weingütern (BWG) bis zum CumVino Weinrestaurant gibt es rund anderthalb Kilometer lang Gewölbekeller. Der nachweisbar älteste Teil wurde 1593 von den Jesuiten angelegt, der neueste kreuzt sich mit einer römischen Wasserleitung, die in die kaiserlichen Bäder mündete. "Ein anderer Teil wird aber auf über 1000 Jahre alt geschätzt", ergänzt Karsten Weyand, Direktor der Bischöflichen Weingüter Trier.

"Dieser Holzfasskeller ist einzigartig"

Der Direktor genießt die Ruhe in den Gewölben und entspannt beim Lauschen des Blubberns, das entsteht, wenn Kohlendioxid-Gas, das während der Gärung entsteht, aus den Holzfässern durch den Gärtrichter nach außen entweicht. "Dieser Holzfasskeller mit seinen rund 300 Fässern ist wirklich einzigartig", schwärmt der 39-Jährige.

Die Orientierung verliert er hier unten nicht so leicht. Zwar leitet der promovierte Agrarwissenschaftlicher erst seit Mai dieses Jahres die BWG, aber seit seinem Praktikum Anfang der 90er Jahre hat er Kontakt zum Unternehmen gehalten und deshalb diese unterirdischen Gänge schon oft erkundet. "Die BWG kenne ich seit fast zwei Jahrzehnten", sagt Weyand, der aus einer Winzerfamilie aus St. Aldegund an der Mosel (Landkreis Cochem-Zell) stammt. Er studierte zweimal und ist somit Diplom-Ingenieur (FH) Weinbau und Önologie (an der Hochschule RheinMain mit dem Studienort Geisenheim) und Diplom-Önologe (an der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Forschungsanstalt Geisenheim). Nun leitet er einen der größten Winzerbetriebe der Republik.

Domkirche besitzt 32 Hektar Weinberge

Inhaber der BWG sind drei Körperschaften des Bistums: zunächst das Bischöfliche Priesterseminar Trier, hervorgegangen aus einer Stiftung, die seit dem siebten Jahrhundert bestand, 1773 als Priesterseminar gegründet, dessen Weinbergsbesitz (34 Hektar) aus einer Dotation des Kurfürsten Clemens Wenzeslaus aus dem Jahr 1773 stammt. Zweiter Inhaber ist die Hohe Domkirche Trier, deren erste bischöfliche Vorläufer-Kirche wohl bereits um das Jahr 180 entstand. Bereits 1249 erging ein Statut, das die Mitglieder des Trierer Domkapitels während der Zeit der Weinlese von ihrer Residenzpflicht befreite. Heute besitzt die Domkirche 32 Hektar Weinberge.

Dritter Inhaber ist das 1840 zur geistlichen Ausbildung "unbemittelter Knaben" gegründete Bischöfliche Konvikt Trier, das 40 Hektar überwiegend aus Stiftungen und Schenkungen besitzt. 2004 kam auch noch das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium hinzu, hervorgegangen aus dem 1561 gegründeten Jesuiten Jesuitenkolleg, 1896 in FWG umbenannt, das seine 24 Hektar von den BWG bewirtschaften lässt. Die Güter schlossen sich 1967 zusammen.

Somit sind die Güter wirklich ein Unternehmen mit jahrhunderterlanger Tradition. Aber sind sie auch ebenso eingestaubt? "Tradition und Moderne schließen sich ja nicht aus", stellt Weyand zu Beginn direkt einmal klar. "Wir sind zwar Handwerker und kein Industriebetrieb - und das soll auch so bleiben -", dennoch hat er viele Neuerungen im Plan. Die Güter besitzen rund 130 Hektar Weinberge an 90 Flusskilometern entlang von Saar, Mosel und Ruwer. Dazu zählen Ayler Kupp, Scharzhofberger, Trittenheimer Apotheke, Piesporter Goldtröpfchen und Kaseler Nies'chen. Von der Lese über das Abfüllen bis zum Verkauf produzieren die BWG als reiner Erzeugerbetrieb zahlreiche Prädikatsweine und ansonsten Qualitätsweine.

Zu 85 Prozent ist es Riesling, zehn Prozent Rotweine (Früh- und Spätburgunder, St. Laurent und Regent) sowie fünf Prozent Elbling und Weißburgunder. "Wir erzeugen einen ungewöhnlich hohen Anteil an trockenen Weinen, nämlich 65 Prozent", erklärt Weyand, der in den vergangenen Jahren einen leichten Trend hin zu den Feinherben festgestellt hat. Besonders gut gehen zurzeit Kabinett- und Spätlese-Weine in Verbindung mit einer Einzellage oder das Pendant dazu, der Dom-Riesling, ein trockener Qualitätswein aus Rieslingen von Mosel, Saar und Ruwer. Mehr als 30 Festangestellte plus Saisonarbeiter und Auszubildende sorgen für die Produktion von rund 700.000 Flaschen, also 800.000 Litern Wein im Jahr. Den Großteil des Umsatzes machen die Güter im Direktverkauf. "Das klassische Endverbrauchergeschäft ist für uns das Maß der Dinge", erklärt der Chef.

Vertrieben werden die Weine ins gesamte Bundesgebiet, in die Niederlande, nach Belgien, aber auch in die USA, nach Kanada, Großbritannien, Südkorea und Japan. Die hartnäckige Mär, dass sich hier der Bischof nur seinen eigenen Weinkeller leistet, weist Weyand vehement zurück. Nur ein ganz kleiner Teil gehe für kirchliche Veranstaltungen oder als Messwein über die Ladentheke. Sie seien ein ganz normales Wirtschaftsunternehmen.

Mehr Veranstaltungen, mehr Direktverkauf

"Unsere Inhaber schauen auf unsere Zahlen und die Bilanz." Der Jahresumsatz liegt im "mittleren einstelligen Millionenbereich", genauer möchte der Direktor es nicht beziffern. So soll sich zwar an der Weinstilistik und -qualität bei den BWG nichts verändern - "da setzen wir lieber auf Tradition" -, aber ansonsten gebe es schon noch einiges zu tun.

"Wir beschäftigen uns zurzeit intensiv damit, wie wir auf dem Markt erfolgreich sein können, ohne unsere Wurzeln zu verlieren", sagt Weyand. "Dabei versuchen wir, uns in Teilen neu aufzustellen und den geänderten Marktbedingungen anzupassen." Dazu zählen Umstrukturierungsmaßnahmen bei der Produktion, inneren Abläufen und beim Auftritt nach außen. Geplant sind mehr Präsenz im Stadtgebiet, mehr Veranstaltungen, mehr Direktverkauf. Aber auch die Vermarktung steht im Vordergrund, es soll "pfiffiger und peppiger" werden, um ein breiteres Publikum erreichen zu können. "Wir möchten unseren Online-Auftritt verbessern und uns auch vertrieblich personell breiter aufstellen." Auch das Export- und Wiederverkaufsgeschäft an Gastronomie, Fachhandel und Hotellerie soll wachsen.

Auch die touristische Nutzung des Kellers möchte Weyand ausbauen. Der Bedarf ist da: Allein im September gab es 33 Führungen und Proben mit Verkaufsleiter Erwin Engel, der nun auch die Laufweinprobe wochenends neu eingeführt hat. Auf dem Weg zum Verkostungsraum wird dann immer wieder Station gemacht, vorbei an den klassischen Fuder-Fässern: links die neuen, 15 bis 20 Stück liefert die Küferei Hösch jährlich, die dann alte ersetzen; rechts die dunklen alten Fässer, die teils noch aus den 50er Jahren stammen.

Weiter durch die schummrige Beleuchtung, die ebenfalls erneuert werden soll, kommen die Besucher an massiven alten Stahltoren mit Spinnenweben vorbei oder entdecken in einem Seitengang die Schatzkammer mit Raritäten. "Hier im Keller herrscht eine konstante Luftfeuchtigkeit, aber es ist sehr steril, weil hier ein Penicillinpilz wächst", erklärt Weyand. Unter dem Gebäude aus den 60er Jahren gibt es drei unterirdische Etagen: die Höchste beherbergt 80 Stahltanks, die insgesamt rund 300.000 Liter fassen; die Niedrigste ein Flaschenlager. Das mittlere Stockwerk hingegen führt zum Holzfasskeller mit Verbindung zu den alten Gewölben.

Dank des jungen Direktors darf man wohl gespannt sein, wie viel Neues diese alten Gewölbe in den kommenden Jahren noch zutage befördern werden.