| 20:03 Uhr

Bildung
In Trier sind längst nicht alle Ganztagsplätze an Grundschulen vergeben

FOTO: Peter Steffen / dpa
Mainz/Trier. Beim Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz scheiden sich die Geister. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Läutet in der Grundschule in Hetzerath (Kreis Bernkastel-Wittlich) nach der letzten Stunde die Schulglocke, wuseln noch lange danach Kinder durch die Räume und toben auf dem Hof. Für 65 von 143 Kindern geht der Schultag weiter, wenn alle anderen sich den Ranzen umschnallen und nach Hause gehen. Sie nutzen das Ganztagsangebot, das die Schule seit gut zehn Jahren anbietet. Wo die Kinder, die halbtags zur Schule gehen, danach daheim ihre Hausaufgaben erledigen, gibt es für die verbleibenden Mädchen und Jungs noch Lernübungen und Arbeitsgemeinschaften (AG). Die Kinder können bei einer Keramikerin töpfern lernen, Tennis spielen, kicken oder an Tablets tüfteln, erzählt Rektorin Brunhilde Dumke. Das Angebot habe sich bewährt und werde gut angenommen. „Viele berufstätige Eltern sind froh über die Chance, dass wir dann die Kinder betreuen können.“ Hetzerath ist eine Ganztagsschule mit Mensa, Nachmittagsbetreuung durch Lehrer und qualifizierte AG-Leiter.

Mehr zum Thema:

Erst mal andere Baustellen beheben

Auch Dennis Junk freut sich über das Angebot in Hetzerath. Und doch bereiten dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Wittlich-Land die Anforderungen Kopfzerbrechen, wenn er über den politisch diskutierten Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in Grundschulen nachdenkt. Das Recht auf einen Ganztagsplatz, fürchtet er, könne so verstanden werden, dass alle Grundschulen gesetzlich zu Ganztagsschulen ausgebaut werden müssen. In Hetzerath habe der Ausbau die Verbandsgemeinde einst 400 000 Euro gekostet. „Wer soll es finanzieren, alle Schulen so auszustatten?“, fragt er. Und ist das überhaupt gewünscht? Nicht alle Eltern leben das Modell, dass ihr Kind jeden Tag bis zum Nachmittag in der Schule bleiben soll.“ In der Stadt Trier spricht  Schuldezernentin Elvira Garbes gar von 682 Ganztagsplätzen, die an den Grundschulen noch frei sind. „Es gilt daher, die auf dem Elternwillen basierende Entwicklung des Bedarfs abzuwarten und bei entsprechender Nachfrage flexibel zu reagieren. Die Wahl sollte den Eltern überlassen bleiben“, sagt die Bürgermeisterin. Auffallend in Trier: Die Eltern ziehen andere Betreuungsangebote der Ganztagsschule oft vor, da diese als flexibler wahrgenommen werden. Besonders begehrt: Horte und betreuende Grundschulen, bei denen sich Kräfte nach dem Unterricht um die Kinder kümmern, wenn nötig. Wollen die Kinder an anderen Tagen zu ihren Eltern nach Hause oder in Verein, können sie auch gehen.

Regionalelternsprecher Reiner Schladweiler hat dafür eine Erklärung: „Die reinen Ganztagsschulen sind oft nicht beweglich genug. Es gibt Eltern, die an manchen Tagen mit ihren Kindern lieber die Hausaufgaben machen. Und anderen sind die Betreuungszeiten in den Schulen nicht lang genug, weil sie auch freitags oder in den Ferien arbeiten.“

Die CDU-Fraktion im rheinland-pfälzischen Landtag setzt sich dafür ein, Schülern den Besuch einer Ganztagsschule auch nur an einzelnen Tagen zu ermöglichen. Auch, um wieder mehr Kinder für Vereine zu begeistern, sagt die Landtagsabgeordnete Anke Beilstein. Der Trierer AfD-Parlamentarier Michael Frisch sieht durch eine Ausweitung von Ganztagsangeboten ebenfalls das Ehrenamt gefährdet – und die gemeinsame Zeit mit der Familie.

Klaus-Peter Hammer, Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), hält den Rechtsanspruch für eine gute Idee. „Doch leider kommt sie zehn Jahre zu spät“, klagt er. Es fehle an ausreichend ausgebildeten Lehrkräften.

Bettina Brück, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Land, bremst die Sorgen. Für die Thalfangerin gibt es schon jetzt eine große Auswahl in Rheinland-Pfalz: 783 von 962 Grundschulen haben ein Ganztagsangebot, teilt das Bildungsministerium in einer Großen Anfrage der SPD mit. In den vergangenen 15 Jahren hat das Land in Ganztagsschulen 1,1 Milliarden Euro investiert. Dennoch wolle das Land auch von Bundesmitteln profitieren. Die SPD-Fraktion hat schon den Vorstoß gewagt, einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in Rheinland-Pfalz verwirklichen zu wollen. Aber erst nach der Landtagswahl 2021, weil ein solches Ziel nicht im Koalitionsvertrag mit den Ampelpartnern FDP und Grüne steht und in dieser Legislaturperiode nicht umsetzbar sein dürfte. Die Diskussion ist aber längst entbrannt. „Wir würden gucken, wo es in der Betreuung noch weiße Flecken im Land gibt“, sagt Brück. Auch Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) spricht davon, Versorgungslücken schließen zu wollen. Sie sagt: „Die Ganztagsangebote leisten einen wertvollen Beitrag zur Chancengerechtigkeit und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“