Die zerstörte Steipe auf dem Salontisch

Die zerstörte Steipe auf dem Salontisch

Die Verblüffung ist groß gewesen im Stadtmuseum, als der Tisch in einem Hamburger Auktionshaus entdeckt wurde: Neben den Kaiserthermen und der Burgruine Sommerau ziert auch die Ruine der Steipe im Zustand von 1945 den Salontisch als Motiv. Kathrin Schug, für Öffentlichkeitsarbeit im Museum zuständige Mitarbeiterin, hat in einem Gastbeitrag für den TV die Geschichte des Tischs aufgeschrieben.

Trier. Als sich der Staub des Weltkriegs langsam legte, boten viele deutsche Städte ein verheerendes Bild: Bombardierungen und Zerstörungen hatten die historischen Gebäude dem Erdboden gleichgemacht, von einst glänzenden Monumenten ragten nur noch Ruinen aus den Trümmern. Auch Trier blieb von diesem Schicksal nicht verschont: Nachdem die Stadt lange Zeit relativ glimpflich davongekommen war, kam die Zerstörung zu Weihnachten 1944 mit voller Wucht: Viele Baudenkmäler, die seit Jahrhunderten das Stadtbild geprägt hatten, stürzten binnen Minuten in sich zusammen.
Doch kein Schaden traf die Trierer so tief wie die Zerstörung der Steipe am Hauptmarkt: Über ein halbes Jahrtausend hinweg hatte der Fest- und Empfangssaal aus dem 15. Jahrhundert das Selbstbewusstsein der Trierer Bürgerschaft symbolisiert - nun lag das prachtvolle Gebäude in Trümmern.
Wie stark dieses Bild auf die Bürger der Stadt wirkte, zeigen die Erinnerungen des Arztes Erich Pies, die 1964 im Trierischen Volksfreund erschienen: "Eine gewaltige Lücke tat sich dort auf, wo einst das stolze Bauwerk stand. In diesem Augenblick erschien all das, was hier geschah, so unendlich sinnlos, und ich empfand einen furchtbaren Schmerz beim Anblick dieses apokalyptischen Geschehens."
Viele Fotos und Zeichnungen



Die Zerstörungen der damaligen Zeit sind auf zahlreichen Fotos und Zeichnungen dokumentiert. Dass die Ruinen des Zweiten Weltkriegs Eingang in die Möbelkunst finden, ist jedoch ein sehr seltener Vorgang. Umso überraschender ist eine Entdeckung, die das Stadtmuseum Simeonstift jetzt im Kunsthandel gemacht hat. Auf einem Salontisch, vermutlich aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, sind drei prominente Ruinen der Region Trier als Intarsien dargestellt: die Kaiserthermen, die Burg Sommerau und das Steipeneck im Zustand des Jahres 1945. Intarsien sind eine besondere Kunst in der Möbelgestaltung, bei der kleine Elemente aus Holz, Metall oder anderen Materialien in eine Fläche eingelegt oder zu Ornamenten und Bildern zusammengefügt werden. "Eher zufällig sind wir auf diesen Tisch aufmerksam geworden", sagt der Kunsthistoriker Bernd Röder. "Das Auktionshaus hatte den Salontisch aus der Spätzeit des Art déco mit dem Schlagwort Trier versehen, weil es die überregional bekannten Kaiserthermen als Motiv identifizieren konnte. Bei den anderen beiden Bildthemen waren sie allerdings ratlos." Der Trierer Wissenschaftler konnte diese beiden Darstellungen rasch zuordnen: das kriegszerstörte Steipeneck und die mittelalterliche Burgruine Sommerau. Auch das Herstellungsdatum lässt sich mit einiger Sicherheit auf Mitte der 40er-Jahre datieren.
Anderes liegt dagegen noch völlig im Dunkeln und wird Gegenstand weiterer Forschungen sein: "Uns interessiert natürlich, was den Hamburger Hans Ballheimer, der die Intarsien gelegt hat, dermaßen mit der Stadt Trier verband, dass er ihr dieses Denkmal gesetzt hat", sagt Röder. red

Weitere bedeutende Möbelstücke aus der Sammlung des Stadtmuseums Simeonstift werden ab dem 29. März in der neuen Sonderausstellung "Aufgemöbelt" präsentiert.
Extra

Bernd Röder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stadtmuseum Simeonstift Trier. Dort verantwortet er die Inventarisierung, bei der er von der Kunsthistorikerin Juliane Kjølsrud unterstützt wird. Er beobachtet außerdem die Versteigerungen internationaler Auktionshäuser und hält dort nach Stücken mit Trier-Bezug Ausschau. Auf seine Initiative hin hat das Museum in den vergangenen Jahren einige wichtige Zeugnisse der Trierer Stadtgeschichte erwerben können, neben Gemälden und Zeichnungen beispielsweise auch Keramikerzeugnisse der Servais-Werke in Ehrang. Der Kunsthistoriker bietet auch regelmäßig Vorträge und Führungen zu stadtgeschichtlichen Themen im Stadtmuseum an. red

Mehr von Volksfreund