Gleise sorgen für Zwist

Die Zeit des Bahnbaus war in Erdorf eine unruhige Zeit, 1870 wollten sich die Erdorfer nicht von ihren Strohdächern trennen. Auch die Pfarrscheune sollte erhalten bleiben, obwohl die Bahnlinie mittendurch führte.

Bitburg-Erdorf. Erdorf ist als Bahnstation im weiten Umkreis bekannt. Die Regionalexpresszüge zwischen Trier und Köln halten dort. Auch der automobile Durchgangsverkehr auf der Bundesstraße 257 den steilen Erdorfer Berg hinunter hat im ausgehenden 20. Jahrhundert den Ort gelegentlich in die Schlagzeilen gebracht, wenn ein LKW aus der Spur geriet und eine Hauswand eindrückte. Seinen Namen verdankt der Bahnhofs "Bitburg-Erdorf`" der Tatsache, dass die Stadt Bitburg Erdorf 1969/70 eingemeindet hat.Dorf Geschichte(n)

Selbst nach dem Bau der A 60 im Jahre 2002 bleibt Erdorf ein frequentierter Durchgangsort, bei dem die Autofahrer im Ortskern über die Bahngleise in Richtung Bitburg fahren. Hier kommt es schon mal vor, dass bei heruntergelassener Bahnschranke die eine oder andere Minute an Wartezeit verbracht werden muss. Beim Bau der 1871 eröffneten Bahnlinie mussten mehrere Wohnhäuser dem Bahnbau weichen, auch die ehemalige Pfarrscheune. Die wollten sich die Erdorfer nicht nehmen lassen, ebenso wie eine an den Friedhof angrenzende Wiese. Im September 1870 wurden die Bauarbeiten unterbrochen, wie im Heimatkalender Bitburg-Prüm 1989 berichtet wird: "Um zu verhindern, dass diese Parzelle zu Zwecken des Bahnbaus benutzt werde, ist auf Anraten des Bürgermeisters Schreiber eine kirchliche Einweihung vorgenommen und diese Parzelle dem Kirchhof einverleibt worden, und man hat bereits vor wenigen Tagen die Beerdigung einer Leiche vorgenommen." Die Erdorfer wollten Fakten schaffen. Aber als die Behörden eingriffen, musste die Leiche umgebettet werden. "Doch protestierten Pastor und Bürgermeister energisch. Zugleich hat der Bürgermeister Protest gegen den Abbruch der in der Mittellinie der Bahn stehenden Pfarrscheune erhoben." Die Diskussion ging weiter. Letztlich wurde die Parzelle dem Bahnhofsbereich zugeschrieben und die Pfarrscheune abgerissen. Ähnlich ging es zu, als sich 26 Erdorfer Bewohner von der damals üblichen Stroheindeckung ihrer Hausdächer trennen mussten. Gesetzliche Vorschriften zur Brandvermeidung durch den Funkenflug der kohlegefeuerten Dampflokomotiven verlangten eine brandsichere Ziegeleindeckung in einer Entfernung bis 50 Meter. Die Erdorfer wiesen darauf hin, dass ihre Strohdächer im Sommer vor Hitze schützen und im Winter die Kälte abhielten. Die Eisenbahn bestand auf ihren Sicherheitsbestimmungen. Regierungspräsident und Landrat mussten in mehreren Versammlungen die Erdorfer von der Notwendigkeit der Umdeckung überzeugen, bevor diese ihr Einverständnis gaben. Die Auseinandersetzung ist lange her. Die Strohdächer sind längst aus dem Dorfbild verschwunden und Bahn und Bahnhof geblieben.