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Sie haben den Krieg überlebt und erzählen heute von einer anderen Zeit

Sie haben den Krieg überlebt und erzählen heute von einer anderen Zeit

Es sind Zeugnisse einer lange zurückliegenden Zeit, die Nikolaus Thomé auf seinem Dachboden gefunden hat: einen ganzen Karton voller Zeitungen aus den 1940er Jahren - einige sogar noch älter.

Bitburg. "Da bleibt einem die Spucke weg", kommentiert Nikolaus Thomé die Zeitungen, die auf seinem Küchentisch liegen. Es sind mehrere Seiten des propagandistischen "Nationalblatts", mit dem das Nazi-Regime unter Hitler von 1930 bis 1944/45 die Bevölkerung "informierte". Darunter ist eine Ausgabe vom 30./31. Januar 1943, zehn Jahre nach der Machtergreifung. Unter dem Titel "Wir werden das große Werk vollenden" schwören die Schreiber auf die "deutsche Sache" ein. Eine Ausgabe aus dem Karton.
Auch Ausgaben der "Trierischen Landeszeitung" sind dabei und auch des Trierischen Volksfreunds, der ab 1938 nicht mehr erschienen ist, nachdem Verleger Nikolaus Koch ins Gefängnis musste, weil er sein Blatt eben nicht von den Nazis gleichschalten ließ. Im Herbst 1945 gelingt es Koch, eine Lizenz für den Zeitungsdruck zu bekommen, muss sein Blatt aber zunächst unter anderem Namen, Trierische Volkszeitung, erscheinen lassen. Erst 1949 darf der Verlag zum alten Namen Trierischer Volksfreund zurückkehren.
Zu den ältesten Zeitungen im Fund von Thomé gehören mehrere Ausgaben der deutschsprachigen "Kansas City Presse" aus den 1890er Jahren. Die wöchentlich erscheinende Zeitung war Informationsquelle deutscher Auswanderer im amerikanischen Kansas. Die Kansas City Presse habe möglicherweise ein Uronkel, der nach Amerika ausgewandert sei, zurück in die Heimat geschickt. Die Ausgaben steckten hinter großen Bildern, die "schon ewig" an den Wänden hingen.
Kansas City Presse von 1890

 Freitag, 22. Oktober 1948: Die Trierische Volkszeitung, Vorläufer des Volksfreunds, berichtet über Gebietsansprüche, den „bedrängten Frieden“, Sektorengrenzen und was Stalin zur „Berliner Frage“ sagt.
Freitag, 22. Oktober 1948: Die Trierische Volkszeitung, Vorläufer des Volksfreunds, berichtet über Gebietsansprüche, den „bedrängten Frieden“, Sektorengrenzen und was Stalin zur „Berliner Frage“ sagt. Foto: (e_bit )


Auf die Zeitungen stieß Thomé bereits vor mehr als 45 Jahren, als er das Haus in Wawern (Kreis Trier-Saarburg) abriss, in dem zwei Onkel gewohnt hatten. Die Zeitungen fand er in einem Karton auf dem Speicher. Und genau dorthin wandern sie auch wieder, als er auf dem Grundstück neu baute. Aus dem Blick, aus dem Sinn - bis er vor einem Jahr nach Bitburg zog
Noch gut erinnert sich der heute 80-Jährige an die letzten Kriegsjahre, die er als Grundschüler erlebt hat. "Es war hart und ich habe furchtbare Angst gehabt", sagt er. In der Schule herrschte ein Lehrer, der überzeugter Nazi war. Er habe ihn auch einmal wegen einer patzigen Antwort als "dreckiger Jude" beschimpft. Lange hat sich Thomé darauf keinen Reim machen können. Später vermutete er, dass der Lehrer aufgrund seines Nachnamens eine Verbindung zum "Erzfeind Frankreich" gezogen habe.
Auch an das Ende des Krieges erinnert Thomé und erzählt vom Vorrücken der Amerikaner und wie er mit seiner Familie in den Keller eines Nachbarn flieht, weil die Amerikaner das Wawerner Tal beschießen. Er erzählt von den "Jabos" (Jagdbombern) und davon, wie eine Bombe die Rückwand des Hauses, in dem er später die Zeitungen finden soll, weggerissen hat.
Die alten Zeitungen, Zeugnisse einer dunklen Zeit, haben nicht nur die teilweise Zerstörung des Hauses in Wawern überstanden. Auch nach dessen Abriss wurden sie weiter aufgehoben und schließlich bis nach Bitburg mitumgezogen. Was nun aber damit geschehen soll, hat Thomé noch nicht entschieden. cli