Ärger über Tunten und Paradiesvögel

MÜNCHEN. Homosexuelle auf dem Vormarsch: In Krimireihen, Seifenopern, Comedy-Serien, Werbespots und Fernsehfilmen sind immer häufiger schwule und - deutlich seltener - lesbische Protagonisten zu sehen.

Wenn sein impulsiver Kollege Jupp mal wieder kurz vor dem Nervenzusammenbruch steht, bleibt Kommissar Falk Schermbeck in der Sat.1-Krimiserie "SK Kölsch" meist cool. Ganz ähnlich wie der smarte Ermittler Leo Kraft, der in der Serie "Mit Herz und Handschellen" ebenfalls auf Sat.1 Verbrecher jagt. Doch die zwei Ermittler Schermbeck (Dirk Martens) und Kraft (Henning Baum) haben nicht nur in punkto Nervenstärke viel gemeinsam: Beide stehen auch auf Männer und gehören damit zur immer größer werdenden Schar schwuler Serien- und Filmfiguren im deutschen Fernsehen. Nicht nur in Krimi- und Comedy-Serien treten gleichgeschlechtliche Paare auf. Auch in Kuppelshows wie "Herzblatt" (ARD) treten homosexuelle Kandidaten an, in der RTL 2-Dokusoap "Schwul macht cool!" krempeln gleich vier schwule Lifestyle-Experten heterosexuelle Modemuffel in schicke Szenetypen um. Mit dem Bild, das von ihnen gezeichnet wird, sind viele Schwule und Lesben jedoch nicht einverstanden. "Insgesamt ärgern sie sich über das Fernsehen", sagt die Medienwissenschaftlerin Felicitas Morhart (Universität München), die für eine Studie über gleichgeschlechtliche Liebe im Fernsehen mehr als 6200 Homosexuelle befragt hat. So klagten 69 Prozent der befragten Schwulen und 55 Prozent der Lesben über eine "verzerrte" Darstellung von Homosexuellen im Fernsehen. "Bemängelt wird vor allem, dass zu viele Klischees bedient werden, dass also beispielsweise Schwule in Fernsehserien häufig tuntig sind oder als exotische Paradiesvögel daherkommen", berichtet Morhart. Der Medienforscherin zufolge wünschen sich die Befragten in erster Linie, dass Homosexuelle als ganz gewöhnliche Menschen mit Stärken und Schwächen dargestellt werden: "Die meisten wollen, dass Natürlichkeit und Normalität rüberkommen", sagt Morhart. Das bestätigt auch Klaus Jetz, Pressesprecher des in Köln beheimateten Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD): "Solange Normalität transportiert wird und keine billigen Klischees bedient werden, haben wir überhaupt nichts gegen schwule Serienfiguren, ganz im Gegenteil." Keinerlei Einwände hat Jetz auch gegen Comedyshows wie die "Bullyparade" auf Pro Sieben, in der Schwule gerne veralbert werden - etwa, wenn Michael "Bully" Herbig und seine Mitstreiter als durch und durch tuntige Raumschiff-Besatzung miteinander rumalbern. "Solange das nicht allzu sehr unter die Gürtellinie geht, haben wir mit so was kein Problem. Das ist schließlich Satire." Jetz ärgert sich aber darüber, wie Homosexualität in Nachrichtensendungen oder Fernseh-Magazinen behandelt wird. "Das wird besonders bei den Paraden zum Christopher Street Day deutlich. Da zeigt man ständig Federboas, aber so gut wie nie ein Transparent mit einer politischen Forderung drauf." Auch viele der von Morhart befragten Homosexuellen fordern mehr Ernsthaftigkeit. "So wird nach Ansicht vieler Schwuler beispielsweise das Thema Coming Out im Fernsehen nicht ausreichend thematisiert", sagt Morhart. Doch die von der Medienforscherin erstellte repräsentative Studie förderte nicht nur Kritik und Tadel, sondern auch Zustimmung zutage: So lobten viele Schwule und Lesben ausdrücklich hintergründige Spielfilme über Homosexuelle, wie sie etwa von Arte gezeigt werden. Auch zum Schwulen-Magazin "anders Trend" auf RTL gab es positive Resonanz - gelobt wurde vor allem der Ansatz, überhaupt ein spezielles Format für Homosexuelle anzubieten. Die Machart der Sendung wurde von manchen jedoch bemängelt. In einem Kritikpunkt waren sich die Befragten dann wieder fast ausnahmslos einig: "Fast 90 Prozent der Schwulen und Lesben in Deutschland sind der Meinung, dass Homosexualität immer noch eine zu geringe Rolle im Fernsehen spielt, berichtet Felicitas Morhart.

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