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Debütkonzert: Pianist Kit Armstrong spielt an der Orgel in der Trierer Konstantin-Basilika

Trier. „Teuflisch gut gespielt“, hieß es von einem Konzertbesucher. Bei seinem Orgel-Debüt in der Trierer Konstantin-Basilika riss Kit Armstrong mehr als 600 Zuhörer von den Bänken. Der junge Star-Pianist bestach dabei vor allem mit seiner erstaunlichen Musikerpersönlichkeit. Martin Möller

Welch ein Höhepunkt! Welch ein gewaltiger, atemberaubender Abschluss! Als Kit Armstrong in der Phantasie und Fuge über "Ad nos" von Franz Liszt in die letzten, wuchtigen Akkordpassagen einbog und den hell tönenden C-Dur-Abschluss erreichte, da wollten die mehr als 600 Besucher den Nachhall in der Trierer Konstantin-Basilika nicht mehr abwarten. Die Spannung, die sich aufgebaut hatte, sie explodierte in einem frenetischen Applaus. Wann hat ein Organist schon einmal diese Energie verströmt, diese Intensität aufgebaut und diesen engen Kontakt zu den Hörern gefunden?

Bei Armstrongs Liszt-Interpretation greifen die Formeln nicht, die traditionell Virtuosität umschreiben - brillant, perfekt, furios, souverän. Es ist die erstaunliche, reife Künstlerpersönlichkeit, die hinter den vielfältigen Klängen deutlich wird.

Liszts ausgedehnte Phantasie über einen Chorsatz aus Giacomo Meyerbeers Oper "Der Prophet" kann dem Interpreten unübersichtlich geraten, ja, unförmig. Aber Kit Armstrong zielt deutlich auf größere Einheiten, auf weit ausgreifende Zusammenhänge. Damit gibt er der Introduktion, dem langsamen Satz, den beiden Fugen und dem wuchtigen Schluss des Werks eine eindringliche Stringenz mit, eine überragende Geschlossenheit. Dieses Konzert war vorläufiges Ziel einer erstaunlichen Entwicklung - so etwas wie ein kleiner Künstlerroman: Armstrong spielt ganz für sich auf der kleinen Orgel im Bitburger Bedahaus. Hermann Lewen vom Mosel Musikfestival hört ihn, spricht ihn an, bietet sich als Veranstalter an. Gemeinsam entdecken sie auf mehreren Exkursionen die großartige Orgellandschaft von Mosel und Eifel. Und dabei reift der erstaunliche Plan, die beiden Orgeln der Konstantin-Basilika einem ausgewiesenen Pianisten für ein Debüt-Konzert einzuräumen. Dazu gehören Mut beim Musiker und Mut beim Organisator.

Virtuose auf der Orgelbank

Aber die Anwesenheit auswärtiger Veranstalter im Trierer Konzert zeigte: Die unkonventionelle Entscheidung war richtig. Schon jetzt gilt der Pianist Armstrong unter Insidern auch als Virtuose auf der Orgelbank. Dabei war sein Konzert keineswegs auf Virtuosität getrimmt. Geradezu demonstrativ hat Armstrong frühe Musik für Tasteninstrumente ins Programm aufgenommen, hat die Schuke-Orgel von 1962 einbezogen. Mag sein, dass Jan Pieterszoon Sweelincks Choralpartita "Erbarm dich mein, o Herre Gott" bei einem Organisten ausgewogener klingen dürfte, der auf dem Instrument zu Hause ist, und ob Mozarts reichlich akademische Phantasie und Fuge KV 394 die beste Wahl für das Instrument war, bleibt fraglich.

Aber es war gerade bei diesen Werken faszinierend nachzuvollziehen, wie sich Armstrong ernsthaft und fast liebevoll dem fremden Metier nähert, wie er den Klangfiguren dieser Musik nachhorcht und sie nachzeichnet. Und mit den Erläuterungen zu Werken und Interpretationen offenbart Armstrong auch etwas von seiner Annäherung an Orgel und Orgelmusik. So gelingt ihm auf beiden Instrumenten das Kunststück, die Avantgarde um 1600 mit Byrd, Preston, Frescobaldi und John Bull und die von 1955 mit György Ligetis "Musica Ricercata" zur Deckung zu bringen - das Neue im Alten und das Alte im Neuen zu entdecken.

Ruhiger, natürlicher Impuls

Und da zeichnet sich beispielhaft ab, was bei Armstrong über Technik und Formgefühl hinaus- reicht. Es ist die Fähigkeit, den Kompositionen einen ruhigen, einen natürlichen Impuls mitzugeben. So, wie sich das Tempo alter Musik am Herzschlag orientierte. Nichts bei Armstrong ist hektisch und atemlos. Er befindet sich immer ganz in der Mitte der Musik. Trotz aller Vorsicht bei künstlerischen Prognosen: Mit Armstrong könnte konzertantes Orgelspiel eine neue Qualität gewinnen.