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Ein langer, allzu ruhiger Fluss

Trier. Ein selten gespieltes Oratorium von Georg Friedrich Händel hat die Sommersaison des Mosel Musikfestivals abgeschlossen. Der Trierer Konzertchor brachte "Samson" auf die Bühne - ein Kraftakt, bei dem nicht alles gelang. Dieter Lintz

Trier. Es gibt Konzerte, die stehen einfach unter keinem glücklichen Stern. Ausgerechnet bei "Samson" spielte, erstmals in diesem Sommer, das Wetter nicht mit. Die Aufführung musste vom Innenhof des Kurfürstlichen Palais in den Saal verlegt werden, und ausgerechnet an diesem Abend stand St. Maximin wegen akuter Bauarbeiten nicht zur Verfügung - weshalb man kurzfristig in die dankenswerterweise zur Verfügung gestellte Arena ausweichen musste. Die konnte aber wiederum nicht den Aufwand betreiben, der notwendig ist, um Klassik-Konzerte dort akustisch optimal klingen zu lassen. Was vor allem dem Chor das Leben schwermachte. Dass kurz vor dem Konzert ein Solist und während des Auftritts zeitweilig ein Teil des Lichts ausfiel, machte die Sache auch nicht einfacher.
Und das angesichts einer beachtlichen Herausforderung: "Samson", von Konzertchor-Chef Manfred May in eine gut spielbare Fassung gebracht, ist ein wuchtiges, mitreißendes, aber auch schwierig zu singendes Werk.
Warum die Geschichte des biblischen Selbstmordattentäters Samson, der 3000 Feinde beim Einsturz eines Tempels mit sich in den Tod reißt, zu Händels Lebzeiten eines seiner erfolgreichsten Werke war: Das wurde an diesem Abend in der Arena nie so richtig deutlich. Das hier gezeigte Heldenleben war musikalisch eher ein langer, ruhiger Fluss, behäbig getaktet und nicht dazu geeignet, Funken der Leidenschaft überspringen zu lassen. Wo der Konzertchor von "Licht und Glanz", von "Macht und Herrlichkeit" sang, da leuchtete und glänzte es gar zu selten.
Wenig Impulse vom Pult


Mag sein, dass die Abhängtücher, mit denen die Arena den passenden Raum für die 700 Besucher abgegrenzt hatte, viel von der Chordynamik schluckten. Aber man wurde auch den Eindruck nicht los, dass die 65 Sängerinnen und Sänger so viel damit zu tun hatten, das Werk pannenfrei über die Rampe zu bringen, dass für die Lust an der freien Gestaltung wenig Raum blieb. Und von Manfred Mays Pult kamen wenig Impulse, so dass auch das - im Übrigen souverän und klangschön musizierende - Kurpfälzische Kammerorchester Mannheim eher unterfordert schien.
Voll auf der Habenseite des Abends konnten freilich die Solisten verbucht werden. Allen voran der Samson von Andreas Post. Ein wortmächtiger, höchst präzise geführter, gestaltungsfähiger Tenor, mit einer fast instrumentenhaft leicht ansprechenden, fein fokussierten Stimme.
Eine Klasse für sich auch Terry Wey, ein eher kerniger Countertenor, weniger ätherisch als ein Philippe Jaroussky. Ein begnadeter sängerischer Erzähler, um den nicht zufällig die großen Opernhäuser und Konzertsäle der Welt werben. Das Trierer Publikum kann seine Kunst übrigens demnächst ein weiteres Mal bewundern - bei Bachs h-Moll-Messe am 8. September im Dom.
Dass Adréana Kraschewski eher von der Oper als vom Lied herkommt, war ihrer Dalila durchaus anzuhören. Das passt auch zu ihrer Rolle als Verführerin, noch besser aber zum Glanzlicht des Abends, ihrer Arie "Kommt, all ihr Seraphim", die sie zum Ende als Israelitin sang, dabei subtil aufs Tempo drückend und wenigstens eine Spur jener Verve und Emotion verbreitend, die diesem Abend sonst weitgehend fehlte.
Gewohnt markant und gestaltungssicher Tobias Scharfenberger als Samsons Vater, einsatzfreudig Michael Haag, der kurzfristig die Partie des Riesen Harapha übernommen hatte.
Am Ende gab es freundlich-respektvollen Beifall, der fraglos auch dem immer wieder bewundernswerten Mut des Konzertchors galt, neues Terrain auszuloten.