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Großstadtcowboys reiten in römischer Arena Reggae, Ragga und Rastafari

Großstadtcowboys reiten in römischer Arena Reggae, Ragga und Rastafari

Sie sind die modernen Gladiatoren, reißen ihr Publikum mit Country-Rock-Songs statt mit Kämpfen mit: Die Berliner Band The Boss Hoss hat beim Open Air im ausverkauften Trierer Amphitheater 3500 Zuschauer mitgenommen auf ihrem heißen Ritt durch verschiedene Musikstile. Der TV präsentierte das Konzert. 18 000 Zuschauer sollen einst im Trierer Amphitheater Platz gefunden haben. Immerhin rund 1500 sind am Freitag zum ersten Amphitheater-Open-Air gekommen, bei der der deutsche Reggae-Musiker Gentleman in die antiken Arena eine tolle Show lieferte.

Exportschlager aus Deutschland: Reggae-Musiker Gentleman alias Tilmann Otto. TV-Foto: Tobias Senzig

Trier. Die Veranstalter haben die Kulisse des Amphitheaters genial in Szene gesetzt. Versteckte Strahler bescheinen die alten Mauern. Wie die Gladiatoren von einst müssen die Zuschauer durch einen engen Durchgang marschieren, bevor sich das Rund des Kampfplatzes samt Bühne vor ihnen öffnet.
Heute steht Reggae auf dem Programm, die Musik von Bob Marley, Peter Tosh und Joseph Hill. Und zwischen Familienvätern und Studenten stehen deshalb auch einige echte Rastafarians mit Dreadlocks bis zum Boden. Wenn das Kaiser Augustus wüsste. Um 19.30 Uhr eröffnet die Band Babylon Circus das erste Amphitheater-Open-Air in diesem Jahr. Die neun Musiker der französischen Gruppe spielen einen wilden und etwas gewöhnungsbedürftigen Mix aus Ska, Polka und Chanson. Feiermusik, von der sich das Publikum anstecken lässt.
Beim Einbruch der Dunkelheit betritt dann Gentleman die Bühne. Der Musiker ist ein echter deutscher Exportschlager. Denn Gentleman heißt eigentlich Tilmann Otto. Geboren wurde er vor 38 Jahren in Osnabrück. Aufgewachsen ist er in Köln-Neubrück. Aber sein Zuhause ist Kingston in Jamaika, die Heimat von Reggae, Ragga und Rastafari. "Er ist einer der wenigen weißen Reggae-Künstler, die sogar in Jamaika berühmt sind", sagt Unisa Bangura. Der Sierra-Leoner wohnt in der Region Trier und hat schon einige Gentleman-Auftritte gesehen. Nicht in der Moselhauptstadt wohlgemerkt und auch nicht sonst wo in Deutschland. Sondern in Gambia, wo der Reggae zur Populärkultur gehört, wie hierzulande Schlagermusik. Eine Zeitung aus Banjul schrieb damals über den Auftritt Gentlemans in der Hauptstadt des westafrikanischen Landes: "Er brachte Wärme in die kalten Herzen der gambischen Reggae-Fans."
Das versucht er jetzt auch in Trier. Wie wild springt er über die Bühne im Amphitheater, tanzt von rechts nach links und wieder zurück, blickt fast flehend ins Publikum, als würde er die Menge am liebsten zum Mittanzen auf die Bühne zerren. In akzentfreiem Patois, der Sprache Jamaikas, singt er von der Macht des Rastafari-Gottes Jahs und warnt vor den Versuchungen von Teufel und Kapitalismus. Erst um 23 Uhr, nach fast zwei Stunden Offbeat Made in Germany, ist das Spektakel vorbei. Die Trierer Reggae-Fans verlassen zufrieden das Amphitheater. Sie haben eine tolle Show gesehen. Es scheint fast so, als hätte der deutsche Jamaikaner tatsächlich etwas Wärme in ihre Herzen gebracht. sen