Das versunkene Dorf

ESCH/SAUER. Wie gemalt liegt das kleine Städtchen Esch eingebettet in die Sauerschleife und umgeben von baumbewachsenen Steilhängen in dem schmalen Flusstal. Von der Burgruine auf dem hohen Felsen bietet sich ein faszinierender Rundumblick auf den alten Ortskern, die schroffen Felsenhänge und die träge dahinfließende Sauer.

Bürgermeister und Architekt Gilles Kintzele gefällt es hier: "Ich bin erst seit vier Jahren in Esch und möchte nicht mehr fort." Über schmale Sträßchen, enge Gässchen und steile Treppen geht es bergauf und bergab in der Stadt. Größere Lieferfahrzeuge müssen rückwärts den Ort verlassen, da Wendemöglichkeiten fehlen. Einige Häuser und Mauern sind sehr renovierungsbedürftig, und da hat der Bürgermeister als Fachmann noch einige Arbeit. Mehrmals ist die alte Ringmauer der Burg im Ort zu sehen, und clevere Einwohner haben daran ihre Häuser errichtet. Esch an der Sauer ist auch ein beliebter Treffpunkt für Biker, und gemütlich brummen einige Harley-Davidsons durch das Örtchen. Vielsprachig geht es in den Geschäften und Restaurants zu, denn die meisten Besucher kommen aus Frankreich, Belgien und Holland. Aber die Luxemburger haben mit diesen Sprachen kein Problem.Die Natur erobert das Gelände zurück

Die Ruine der Burg aus dem Jahre 927 wurde lange Zeit nicht unterhalten, und die Natur hat sich das Gelände zurückerobert. Burghöfe und Burggarten sind eine botanische Fundgrube mit ihren seltenen Farnen, Flechten und Wildblumen auf dem Schieferfelsen. Die unansehnlich gewordene Burgkapelle wird im Moment vollkommen restauriert und soll das Schmuckstück der Burg werden. Das Burggelände ist nichts für schwindelanfällige Menschen und Kinder, da die schmalen Trittpfade an den steilen Hängen nur vereinzelt Geländer haben. Mittelalterliches Flair herrscht am 5. August auf Burg Esch beim Burgfest mit historischem Markt, Gauklern, Sängern und Theateraufführungen. Burg und Städtchen werden im Kerzenlicht erstrahlen. Der Naturpark Obersauer repräsentiert mit seinen engen Wiesentälern, den bewaldeten Steilhängen und der vielfältigen Flora und Fauna eine Jahrtausende alte Kulturlandschaft. Der Stausee mit seinen rund 380 Hektar versorgt etwa 80 Prozent der Luxemburger Haushalte mit Trinkwasser. Vor Jahren musste der See wegen Reparaturen an der Staumauer abgelassen werden und aus dem Niedrigwasser ragten die Gebäudeteile eines ehemaligen Dorfes. Bürgermeister Kintzele preist den See und seine Umgebung: "Hier ist ein Eldorado für Wassersportler, alle Sportarten sind möglich." Kleine versteckte Strandwiesen laden zum Schwimmen und Sonnenbaden ein. Eine Fahrt mit dem geräuschlos gleitenden Solarboot über den dunkelglänzenden See mit dazu gehörender Wanderung ist ein besonderes Erlebnis. Der schön illustrierte Wanderführer "Naturpark Obersauer" enthält Touren für stressfreies Wandern ohne Gepäck, spezielle Rundwege und thematische Wanderungen. Durch einen mehrsprachigen Audio-Guide erfährt der Besucher auf gruselig-spannende Weise fantastische Geschichten und unglaubliche Anekdoten auf den 21 Etappen des Rundwegs "Geheimnisvolles Esch-Sauer." Die Rundstrecke "Legendenweg" durch 19 Orte des Naturparks Obersauer und des angrenzenden belgischen Naturparks ist einen Wochenendausflug mit Auto oder Motorrad wert. Um Esch-Sauer gibt es flache Radwege für Anfänger, anspruchsvollere Pisten für passionierte Radfahrer und richtig schwierige Strecken für Montainbiker.Spezialitäten "vum Séi"

Mittelpunkt des Naturparks Obersauer ist das große Naturparkzentrum am Stausee. Im riesigen Maschinensaal der alten Tuchfabrik, die besichtigt werden kann, werden noch heute kuschelige Wolldecken hergestellt. In der kleinen Boutique gibt es alle Naturprodukte des Labels "vum Séi" (vom See) zu kaufen. Duftende Kräutertees, wohlriechende Öle und Seifen und sogar Bier aus Dinkelkörnern sind eine Versuchung wert. Bürgermeister Kientzele weist besonders darauf hin: "Alle Produkte sind von besonderer Qualität und unterliegen strengen Prüfungen." Höhepunkt ist der Markttag an jedem ersten Freitag (Juni bis Oktober) mit mehreren tausend Besuchern. Die einheimischen Gastronomen offerieren neben deftigen luxemburgischen Mahlzeiten wie "Judd mat Gaardebounen"(Schweinefleisch mit Saubohnen) oder "Tiirteg" (Pfanne mit Kartoffeln und Kohl) lukullische Spezialitäten mit ihrem Jahresprogramm "Gourmet vum Séi."Die Hoteliers kochen nur mit Produkten des Naturparks. Die mehr als 120 Jahre alte "Kärzefabrik" Esch-Sauer und die Geschenkboutique werden von John Peters geleitet. "Alle Kerzen hier sind in Handarbeit von uns hergestellt", sagt Peters. Und als Andenken an dieses romantische Städtchen sollte der Besucher das 1000-Teile-Puzzle von Esch/Sauer für die langen Winterabende mitnehmen.

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