Der neue und der alte Marx

Der neue und der alte Marx

TRIER. Nein, Podiumsdiskussionen in der Provinz zu den großen Problemen der Welt sind nicht immer langweilig. Es geht auch anders, als altbekannte Argumente zum hundertsten Mal zu drehen und zu wenden – erhellend, erfrischend und impulsgebend. Ein Beweis: Das Streitgespräch zwischen den Trierer Professoren El Shagi und Hanns W. Maul sowie Bischof Reinhard Marx über Chancen und Risiken der Globalisierung.

Letztlich ist alles Glaubenssache. Braucht ein freier Markt Regeln, oder funktioniert er am besten, wenn es keinerlei Einschränkungen gibt? Sollte man ergo der Globalisierung ihren Lauf lassen, oder sind staatliche Eingriffe nötig? Argumente gibt es für jede dieser Ansichten, Beweise fehlen bei beiden - eine Glaubenssache eben. Kein Wunder also, dass Triers Bischof Reinhard Marx bei der Podiumsdiskussion mit den beiden Trierer Professoren El Shagi (Volkswirtschaftslehre) und Hanns W. Maull (Politikwissenschaft) zum Thema "Globalisierung" diese Woche an der Universität ganz in seinem Element war. Er pries die Chancen der Globalisierung für Arme und hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für Rahmenbedingungen, die den freien Markt regeln. Er forderte, Globalisierung mit Demokratisierung und der Achtung von Menschenrechten und Arbeitsnormen zu verknüpfen. Sein Credo: "Globalisierung ist kein Problem, sie ist eine Gestaltungsaufgabe!" Das sieht Politik-Professor Maull, dessen Fachbereich zusammen mit den VWL-Kollegen zu der Diskussion eingeladen hatte, ähnlich. Unter dem Strich sei Globalisierung positiv, sagte Maull - und zitierte eine originelle Definition des Phänomens: "Globalisierung ist, wenn alles mit allem zusammenhängt. Nur noch mehr." Die Zahl der Ärmsten weltweit sei gesunken, vor allem aufgrund der - ohne Globalisierung undenkbaren - Entwicklung Chinas. In Afrika dagegen habe die Not weiter zugenommen. "Die Möglichkeiten, durch Globalisierung Armut zu bekämpfen, sind keineswegs erschöpft", sagte Maull. "Die Kluft zwischen dem, was möglich ist, und dem, was getan wird, empfinde ich persönlich als skandalös." Seine Forderung: Lenkung durch die Politik auf nationaler wie internationaler Ebene. Keine Alternative zur Globalisierung

VWL-Professor El Shagi pochte auf eine möglichst weitgehende Liberalisierung: Die Globalisierung komme allen offenen Volkswirtschaften zugute. "Manche gewinnen mehr, andere weniger - und die Verteilung geht in der Regel zugunsten kleiner, unterentwickelter Länder." Die Einfuhr-Restriktionen der Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern seien jedoch doppelt so hoch wie gegenüber anderen Industriestaaten. "Das nenne ich ungerecht!" In einem Punkt waren sich die Drei einig: Globalisierung ist kein neues Phänomen, sondern ein langfristiger Trend - und ohne Alternative. Ebenso wie der Kapitalismus. Alle Alternativen seien gescheitert, sagte Maull. Kapitalismus sei deshalb notwendig, aber nicht ausreichend. Bischof Marx warnte vor einer Form des Kapitalismus, der es ausschließlich um Rendite gehe: "Ich hoffe, dass der alte Marx nicht Recht behält!" Maull verwies auf China und sein gewaltiges Arbeitslosen-Problem, obwohl es über 25 Jahre hinweg eine jährliche Wachstumsrate von sieben Prozent verzeichnet habe. "Was muss denn noch passieren, um Arbeitslosigkeit zu überwinden?" Auch im Hinblick auf den Kapitalismus sieht der Politikwissenschaftler deshalb eine "politische und gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe". Arbeitslosigkeit, konterte El Shagi, sei Folge einer verfehlten Politik und keine Folge der Marktwirtschaft. "Ursache ist ein Staatsversagen, nicht ein Marktversagen!" Damit war die Diskussion wieder beim Punkt "Glaubensfrage" angelangt. "Dass die Marktwirtschaft an sich sozial ist - das glaube ich einfach nicht", rief der Bischof. Und El Shagi entgegnete: "Damit Sie mich in Ihre Gebete einbeziehen, werde ich nicht widersprechen."

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