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Die Kunst, sich über Niederlagen zu freuen

Félix Chenet (links) und Jean-Marie Michels vom Technik-Team der beiden städtischen Museen in Luxemburg bauen ein Exponat auf. Foto: Privat
Félix Chenet (links) und Jean-Marie Michels vom Technik-Team der beiden städtischen Museen in Luxemburg bauen ein Exponat auf. Foto: Privat
Luxemburg. Sind Luxemburg und der Luxemburger "anescht", also irgendwie anders? Eine neue Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Luxemburg zeigt anhand der 26 Buchstaben des Alphabets, was Luxemburger, Grenzgänger und Zugezogene über das Großherzogtum wissen sollten. Sabine Schwadorf

Luxemburg. Wie stellen Sie sich den gemeinen Luxemburger vor? Stinkreich, arbeitet auf einer Bank, fährt einen großen Geländewagen, macht zwei Stunden Mittagspause und liebt sowohl Kochkäse als auch gutes Essen in mehreren Gängen? Diese Klischees mögen auf den einen oder anderen Luxemburger zutreffen. Was Land und Leute jedoch wirklich ausmachen, daraus haben die beiden Luxemburger Kuratoren Marie-Paule Jungblut und Guy Thewes eine Ausstellung konzipiert, die im Historischen Museum der Stadt Luxemburg zu sehen ist.
Das Besondere daran: Man wandert nicht anhand der Exponate durch die Geschichte des Großherzogtums, sondern orientiert sich an den 26 Buchstaben des Alphabets. Jeder Buchstabe steht für ein Thema. "Dabei geht es nicht um die Darstellung der Klischees über Luxemburg und die Luxemburger, sondern um Begriffe, über die selbst die Luxemburger selten sprechen", erklärt Boris Fuge, Sprecher der beiden städtischen Museen in Luxemburg, nämlich des historischen Museums sowie des Kunstmuseums Villa Vauban.
Luxemburg werde im Staatenkontext oft übergangen. "Selbst in der Großregion weiß man oft nur, dass man hier billig tanken und Zigaretten kaufen kann", sagt Fuge. "Es geht auch darum darzustellen, was den Luxemburgern wichtig an sich selbst ist."
Dass das Ländchen unter Selbstbewusstseinsproblemen leidet, hat nicht nur mit der Tatsache zu tun, dass hier der Fußball - in den meisten europäischen Ländern d i e Sportart schlechthin - mehr Niederlagen als Siege kennt, nämlich 296:267. Doch gerade im Fußball zeigt sich, wie man mit Niederlagen auch umgehen kann. Da gab es etwa Jubel nach dem Spiel gegen Deutschland, das "nur" mit 2:3 verloren ging. Die Sportart bleibt bei mehr als 100 eingetragenen Vereinen die beliebteste, Hooligans kennen die Luxemburger in ihren Reihen nicht.
Fahne nun auch mit Löwe


"Hier zeigt die Ausstellung auch humorvoll, wie man mit Komplexen umgehen kann, indem man sich über geringe Niederlagen freut", sagt Museumssprecher Fuge. Umgekehrt wollten die Exponate (gezeigt wird ein Fußball aus dem Spiel Niederlande - Luxemburg aus dem Jahr 1963) auch keinen Patriotismus schüren. "Es geht um Selbstbewusstsein, aber ohne vor Stolz geschwellter Brust. Das entspräche auch nicht dem Luxemburger Naturell, da man - auch aus der Geschichte heraus - froh ist, als kleines Land zu bestehen."
Dies zeigt sich vor allem in der Geschichte der offiziellen Fahne Luxemburgs (Fändel). Erst 1973 wurden die Farbtöne der drei horizontalen Streifen in rot, weiß und blau genau festgelegt - um sich von den gleichen Farben der Niederlande abzuheben. Denn mit der Personalunion des niederländischen Königs und luxemburgischen Großherzogs aus dem Wiener Kongress von 1815 heraus war man Teil der Niederlande geworden. Nach der Unabhängigkeit Luxemburgs 1839 wählte man sechs Jahre später ein helleres Blau zur besseren Unterscheidung.
Dass der Wille nach Eigenständigkeit noch andere Früchte tragen kann, zeigte sich 2006, als der Ex-Innenminister und Christsoziale Michel Wolter einen Gesetzesvorschlag zur Änderung der Nationalflagge einbrachte. Tausende setzten sich für den "Roude Léiw" (Roten Löwen) mit einer Aufkleber-Kampagne ("Ech sinn dofir!" "Ich bin dafür!") ein. Der "Roude Léiw" gilt als Symbol des Grafen Heinrich V. von Luxemburg (1216-1281) und befindet sich vor blau-weißem Hintergrund auch auf der offiziellen Flagge von Seeschiffen, die in Luxemburg eingetragen sind. Letztendlich gibt es seit 2007 einen Kompromiss. Die Trikolore aus Rot, Weiß und Blau bleibt offizielle Fahne, der "Roude Léiw" wird als Alternative zugelassen.
Auch aktuell leidet das Selbstbewusstsein der Luxemburger. Denn nicht nur, dass das Emirat Qatar (Buchstabe Q) das Großherzogtum von Platz eins der Länder mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf verdrängt hat, Qatar steigt massiv mit Kapital in der luxemburgischen Wirtschaft ein, so mit 35 Prozent an den Anteilen des Frachtkonzerns Cargolux und mehr als einer Milliarde an der Luxemburger Privatbank KBL European Private Bankers.
"Viele Luxemburger haben Ängste. Erstmals wird offen von einer Krise gesprochen", sagt Museumssprecher Boris Fuge. "Es herrscht so etwas wie Grabesstimmung." Da komme so eine Ausstellung, die die wunde Seele Luxemburgs streichele, gerade recht.Extra

Von A wie "Anescht", also anders, bis Z wie "Zefridden", also zufrieden: Bis zum 31. März 2013 zeigt das Historische Museum der Stadt Luxemburg die Ausstellung "ABC - Luxemburg für Anfänger und Fortgeschrittene". Zusätzlich zur Ausstellung erhalten die Besucher Duftkarten, auf denen der Hochschullehrer Peter Luckner einen Duft speziell für und über Luxemburg entwickelt hat. Er ist Spezialist für Industriedesign und lehrt nicht nur, wie man das Sehen und Hören, sondern auch den Geruchssinn und den Tastsinn anregen kann. Ein kleines, sprachliches Bonbon bietet die Ausstellung mit einem Wort-Quiz. Hier die erste Frage: Was istKriddelschass? Eine schwierige Person, ein Gemüse oder eine Pfanne? Die Auflösung erfolgt auf unserer nächsten Luxemburg-Seite. Der Eintritt zur Ausstellung kostet für Erwachsene ab 21 Jahren fünf Euro.