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Kunst
Die moderne Stadt: Lebensraum und Moloch

Ying Gu präsentiert in der ­Europäischen ­Kunstakademie
eine ihrer Lithographien.
Ying Gu präsentiert in der ­Europäischen ­Kunstakademie eine ihrer Lithographien.
Trier. Dozenten der Europäischen Kunstakademie Trier setzen sich in ihrer Ausstellung „Downtown“ mit der modernen Stadt auseinander. Von Eva-Maria Reuther

„Wir haben autogerechte Städte gebaut, aber noch nie eine enkelgerechte“, klagt  Christoph Hein in einer Neujahrsansprache, die ein wenig an Bert Brechts berühmte Rede „An die Nachgeborenen“ erinnert. Was der Schriftsteller pessimistisch feststellt, ist nicht neu. Die Verödung der Innenstädte, das Missverhältnis zwischen menschenfreundlichem Lebensraum und gewinnoptimierter Stadtarchitektur ist ebenso ein Dauerthema wie Klimaschutz und die Gefahr der Umweltzerstörung durch Abgas- und Schadstoffbelastung.

„Nachhaltige Stadtentwicklung“  heißt seit langem die von Stadtplanern, Soziologen und Ökologen erhobene Forderung. Was  sich als Konsequenz aktueller städtebaulicher Fehlentwicklungen darstellt, ist so neu nicht. Bereits in der Antike beschäftigten sich Philosophen wie Aristoteles mit  den Lebensbedingungen des Organismus Stadt. Architekten wie der Römer Vitruv und Genies wie Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer entwarfen Modelle einer Idealstadt. In ihrer jährlichen Dozentenausstellung  nehmen sich jetzt auch die Künstler der Europäischen Kunstakademie des Themas an.

„Downtown“ heißt die Schau, die traditionell auch eine Präsentation der in den Kursen angebotenen Techniken ist. „Downtown“ bezeichnet genau genommen die Innenstadt. Tatsächlich sind neben den Hochhaus-Ghettos der Vorstädte die Stadtzentren die größten Sorgenkinder der Stadtplanung. „Was haben Stadt und Kunst miteinander zu tun?“ fragte zur Eröffnung Wolfgang  Rüppel. Der Berliner Künstler und langjährige Dozent verwies auf den engen Zusammenhang zwischen baukünstlerischer Qualität und wirtschaftlichem Wohlstand der Städte. Wo kein Geld, da auch keine Baukunst, so sein Fazit. Wäre zu ergänzen: Auch wo es nur um Geld sprich Gewinn geht, bleibt die Kunst auf der Strecke.

Fakt ist zudem, was sich einmal mehr in der EKA Ausstellung zeigt: Sowohl Stadt wie Kunst sind in ihrer Ausprägung und Erscheinungsform Ausdruck menschlichen Willens und menschlicher Vorstellung. Stattliche 30 Künstler beteiligen sich an der Dozentenschau.

Die Techniken sind vielfältig und Interessant. Neben Malerei sind Grafik und Fotografie zu sehen, zudem Keramik, Bildhauerei  und Installation. Ein Großteil der Künstler  hat sich mit den Strukturen der Stadt beschäftigt. Simone Buschs Video wirft einen Blick auf  die Dynamik der heimischen Stadt Trier. Bodo Korsig  präsentiert als holzschnittartige Filzarbeit die Stadt als malerisches Netzwerk, dessen gewundene Linien sich gleichermaßen als zwischenmenschliche Beziehungen wie als Verkehrswege lesen lassen. Als Modell präsentiert Der Belichta  sein „Manhattan“ aus Karton. Während Thomas Naethes qualitätvolle Keramik hier als „Becherskyline“ figuriert. Sehr zurückhaltend werden die Probleme der modernen Stadt thematisiert, wie in Andrea Stahls Video. Ästhetisch überzeugend abstrahiert Wolfgang Rüppel die Überfülle des städtischen Raums. Ökologisches Bewusstsein fordert Britta Deutsch mit  ihren Nestern aus Holz ein. Eindrucksvoll bewegen sich die Arbeiten des syrischen Keramikers Alaa Aldin Nabhan im Spannungsfeld zwischen heimatlicher Tradition und Zerstörung. Damit ist er inhaltlich durchaus seiner Künstlerkollegin Ying Gu nahe. In ihren wunderbar poetischen Lithografien sammelt die chinesische Gastdozentin in den traditionellen Gefäßformen ihrer Heimat, die Verwerfungen der modernen Welt wie Smog, Erosion  und Versteppung. In all diesen qualitätvollen kritischen Arbeiten  zeigt sich allerdings auch das Problem der künstlerischen Aneignung. Was Übel und Missstand ist, wird hier entschärft zum ansehnlichen ästhetischen Ereignis. Man würde sich gerade bei den kritischen Positionen mehr Entschiedenheit angesichts des brisanten Themas wünschen.“

Die Ausstellung läuft bis zum 23. August, geöffnet ist sie Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Infos: www.eka-trier.de