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Chef-Allüren waren Thomas Niewodniczanski fremd

Machte nicht nur als leidenschaftlicher Kunstsammler von sich reden: Der langjährige Geschäftsführer der Bitburger Brauerei, Thomas Niewodniczanski, ist tot. TV-Foto: Archiv/Eva-Maria Reuther
Machte nicht nur als leidenschaftlicher Kunstsammler von sich reden: Der langjährige Geschäftsführer der Bitburger Brauerei, Thomas Niewodniczanski, ist tot. TV-Foto: Archiv/Eva-Maria Reuther
Thomas Niewodniczanski, langjähriger Geschäftsführer der Bitburger Brauerei, ist tot. Der promovierte Physiker starb am Sonntag nach langer Krankheit im Alter von 76 Jahren. Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft würdigten den Verstorbenen als herausragende Persönlichkeit. Von unserem Redakteur Rolf Seydewitz

Bitburg. "Man muss sich das einmal überlegen: Die beiden damaligen Senior-Chefs der Bitburger Brauerei vertrauten mir, einem Ausländer, der nur gebrochen deutsch spricht, die Kasse der Brauerei an." Mit diesen Worten erinnerte sich im Herbst 1998 der scheidende Bit-Chef Thomas Niewodniczanski an seinen damals 25 Jahre zurückliegenden Einstieg in die Führungsriege der Bitburger Brauerei. Für den promovierten polnischen Kernphysiker ein echter Quer-Einstieg, der den Schwiegersohn von Brauerei-Legende Theobald Simon aber keinesfalls abschreckte. "Im Prinzip ist es doch egal, ob man einen Teilchen-Beschleuniger baut oder eine neue Brauerei", sagte Niewodniczanski einmal.

Der Sohn eines Physik-Professors und einer Agrar-Wissenschaftlerin wurde 1933 in der damals noch zu Polen gehörenden litauischen Hauptstadt Vilnius geboren. Mit seinen Eltern zog er zunächst ins britische Cambridge, später nach Posen und zurück nach Vilnius. Niewodniczanskis Berufswunsch - "Ich wollte immer Schiffsbau-Ingenieur werden" - machte der Vater einen Strich durch die Rechnung: "Meine Geschwister und ich mussten Physik studieren."

Der älteste Sohn gehorchte und machte Karriere: 1955 legte Thomas Niewodniczanski die Magister-Prüfung ab, danach arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kernforschung in Warschau. Während eines Stipendiums in Zürich lernte Niewodniczanski die Bitburger Architektur-Studentin Marie-Luise Simon kennen.

Drei Jahre später heiratete das Paar in der Trierer Paulin-Kirche, zog anschließend wieder nach Polen.

Als sich Ende der 1960er Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings auch in Polen die Lage zuspitzte, setzte sich das Ehepaar Niewodniczanski mit seinen inzwischen drei Söhnen nach Deutschland ab. Dr. Niewodniczanski arbeitete als Kernphysiker in Darmstadt, bis die Familie im Sommer 1973 nach Bitburg zog. Nach kurzer Assistenzzeit wurde der damals 40-Jährige in der Bitburger Brauerei Geschäftsführer - zuständig für Rechnungswesen, technische Planung und Personal. Niewodniczanski war maßgeblich am Aufbau der neuen Braustätte in Bitburg-Süd beteiligt.

Unter den Mitarbeitern genoss "Dr. Niewo", wie der Bit-Boss mit dem etwas schwer auszusprechenden Nachnamen der Einfachheit halber nur genannt wurde, hohes Ansehen. Chef-Allüren oder autoritäres Gehabe waren Thomas Niewodniczanski fremd. "Um unsere Mitarbeiter kümmerst du dich geradezu väterlich", lobte Michael Dietzsch seinen Geschäftsführer-Kollegen an dessen 60. Geburtstag - und das war keine Phrase. Stand irgendwo eine Gruppe in lockerer Runde beisammen, konnte man den hochaufgeschossenen Brauerei-Manager nicht nur sehen, sondern auch hören. Sein herzhaft lautes Lachen: eines der unverkennbaren Markenzeichen von Thomas Niewodniczanski. Ebenso wie sein jahrzehntelanges Engagement für den wissenschaftlichen Nachwuchs beim Wettbewerb "Jugend forscht, Schüler experimentieren" - für Niewodniczanski eine Herzensangelegenheit, keine Pflichtaufgabe. Als Auszubildende der Brauerei beim Jufo-Wettbewerb einmal einen ersten Platz belegten, sprang der Chef bei der Festveranstaltung vor lauter Begeisterung auf und jubelte wie sonst nur Fußballspieler nach dem erlösenden Tor.

Ob als langjähriger Vize-Präsident der Industrie- und Handelskammer oder Vorsitzender der Initiative Region Trier - Thomas Niewodniczanski engagierte sich ehrenamtlich in zahlreichen Gremien der Region, die für ihn längst zur Heimat geworden war, wie er stets gerne betonte. Dabei blieb "Dr. Niewo" immer ein Wanderer zwischen Deutschland und seinem Vaterland Polen, war ihm die deutsch-polnische Aussöhnung wichtig.

Vor sieben Jahren machte der leidenschaftliche Kunstsammler und Mäzen in beiden Ländern Schlagzeilen, als er ankündigte, seine laut Experten phänomenale Sammlung alter polnischer Karten und Handschriften der Republik Polen zum Geschenk zu machen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass Polen im Gegenzug die Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek an Deutschland zurückgibt. Eine Entscheidung steht noch aus. "Die Kartografie ist für mich die größte Freude, eine Leidenschaft, ja fast eine Sucht", hat Thomas Niewodniczanski vor zehn Jahren über sein ungewöhnliches Hobby in einem Interview gesagt. An dieser Leidenschaft änderte auch die schwere Krankheit nichts, die ihn die letzten Jahren seines Lebens plagte.

Thomas Niewodniczanski starb am Sonntag im Alter von 76 Jahren.