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Pflege ist mehr als die Assistenz des Arztes

Saarburg. In der Region Trier sind Hunderte Stellen in der Gesundheitsbranche offen. Im Kreis Trier-Saarburg geht man in die Offensive und wirbt um Nachwuchs. Von Sabine Schwadorf

"Der Mensch" war ihm schon immer wichtig, ihm etwas Gutes zu tun und sich seiner Bedürfnisse anzunehmen. Deshalb hat Helmut Pischler zunächst Theologie studiert und war einige Jahre als protestantischer Pastor tätig. "Aber als Vater zweier Kinder habe ich eine zusätzliche solide Ausbildung haben wollen, die für mich leistbar und zukunftsfähig ist", sagt der 43-Jährige. Jetzt ist er fast am Ende seiner dreijährigen Ausbildung zum Krankenpfleger am Saarburger Kreiskrankenhaus St. Franziskus. Eine Entscheidung, die im Rückblick "sehr gut gewesen" ist, sagt er. "Ja, es gibt eine Belastung in diesem Beruf, und auch der Personalmangel in der Branche ist spürbar", gesteht er, aber die Arbeit sei sehr abwechslungsreich: "Hier wird kein Programm abgespult, sondern über meinen Lohn hinaus bekomme ich mit, ob es einem Patienten durch meine Arbeit besser geht."

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Pischler ist bei rund 540 Mitarbeitern einer von 65 Auszubildenden in drei Jahrgängen am Saarburger Kreiskrankenhaus und der angedockten Krankenpflegeschule. Etwa 20 Krankenpflegeschüler könnten es zusätzlich sein - wenn denn alle Stellen besetzt werden könnten. "Wir sind angehalten, weitaus mehr auszubilden, aber qualifizierte Bewerber fehlen", sagt Sabine Jung, Leiterin der Saarburger Krankenpflegeschule.
Zudem gebe es zwar eine große Zahl an Bewerbern aus Luxemburg, die gern in Deutschland eine Ausbildung machen würden. "Aber die gehen wieder zurück, weil es in Luxemburg rund 1000 Euro netto mehr für die gleiche Tätigkeit gibt. Und viele deutsche Fachkräfte folgen. Wir dagegen sind tarifgebunden. Und selbst mit 100 Euro Zuschlag wäre uns nicht geholfen", sagt Irene Schuster, Pflegedirektorin in Saarburg. "Ein Bäcker kann das Brötchen teurer machen oder weniger Mehl verwenden. Wir können nicht weniger pflegen. Und die Pflege wird immer aufwendiger."

Weil jede zweite bis dritte Kündigung mit dem Hinweis auf einen Wechsel nach Luxemburg verbunden ist, Fachpersonal und Nachwuchs für den Pflegeberuf fehlen und das Image der Branche im Keller ist, spricht etwa Holger Schornick, Leiter der Fachschule für Altenpflege an der Berufsbildenden Schule (BBS) in Saarburg schon nicht mehr von Fachkräftemangel: "Wir haben einen Pflegenotstand", sagt er. Von drei Klassen halten im Schnitt nur zwei bis zum Ende der Ausbildung zum Altenpfleger durch. "Natürlich wäre ein Ausbau der Ausbildung wünschenswert und wird auch von der Politik gefordert. Aber uns fehlt selbst das Lehrpersonal."

Aktuell weist die Trierer Agentur für Arbeit 335 offene Angebote in der Gesundheitsbranche aus, im gesamten Jahr 2016 waren es 1000 freie Stellen. Der Pendlersaldo nach Luxemburg betrug im Jahr davor laut der rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler rund 300 Beschäftigte. "Hätte dem Pflegearbeitsmarkt im Versorgungsgebiet Trier auch nur die Hälfte dieser Personen zur Verfügung gestanden, wären Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht gewesen, und die Lücke von 174 fehlenden Gesundheits- und Krankenpflegern hätte geschlossen werden können", sagt sie.

Fast alle Branchen ächzen, weil ihnen Fachleute fehlen, doch die Alten- und Pflegeheime sowie die Krankenhäuser trifft dies stärker: "In vielen Berufen wie bei den Erziehern hat es ein Umdenken gegeben, dass eine umfangreichere Ausbildung und eine bessere Bezahlung das Image stärken. Nur in der Pflege gibt es das nicht", bedauert Schulleiterin Jung. Und Schuster ergänzt: "Wir sind eine Branche, die rund um die Uhr in drei Schichten arbeitet, und das wird sich auch nicht ändern. Aber wir könnten den Beruf attraktiver machen."
So hat das Bundeskabinett in Berlin zwar eine sogenannte Pflegeausbildungsreform beschlossen, aber der Start ist bislang unklar. Danach soll eine allgemeine Ausbildung zu "Pflegefachleuten" Alten- und Kranken- und Kinderpflege unter einem Dach bündeln und mehr junge Leute anziehen (siehe Infokasten).

Im Kreis Trier-Saarburg versucht man seit sieben Jahren, dem Fachkräftemangel mit dem Pflegenetzwerk aus Arbeitsagentur, Realschule plus Konz, Kranken- und Altenpflegeschulen sowie Jobcenter Trier-Saarburg entgegenzusteuern. "Wichtig sind für uns Schulpraktikanten, die oft über diesen Weg in den Beruf finden und später auch weitergebildet werden", sagt Pflegedirektorin Irene Schuster. Aber auch Quereinsteiger wie Helmut Pischler hätten auf dem Arbeitsmarkt der Gesundheitsbranche eine Chance, sagt Isabell Juchem von der Arbeitsagentur Trier: "Wir brauchen für alle Bereiche der Pflege Fachkräfte." Laut Helmut Pischler muss über das Berufsbild der Kranken- und Altenpflege stärker aufgeklärt werden. "Es geht darum zu zeigen, dass es bei der Pflege um mehr geht, als die Assistenz des Arztes zu sein." Als Krankenpfleger will er sich spezialisieren und berufsbegleitend ein Studium der Pflegepädagogik machen.

Das Pflegenetzwerk im Kreis Trier-Saarburg lädt am Donnerstag, 16. März, zum "Tag der Pflege" in die Berufsbildende Schule Saarburg ein. Von 9 bis 13 Uhr stellen sich 15 Altenheime, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen sowie Gesundheits- und Pflegeschulen vor. Jeder Jugendliche, aber auch Quereinsteiger, kann mitmachen und bei einem Aufgabenparcours üben.

PRO
- Immer komplexere Anforderungen in der Alten- und Krankenpflege brauchen eine breitere Ausbildung: Auszubildende erhalten in den drei Lehrjahren eine Schulung in den Bereichen Alten-, Kranken- und Kinderpflege. Zusätzlich können Pflege-Azubis ein Hochschulstudium absolvieren. Das eröffne neue Karrieremöglichkeiten und spreche neue Zielgruppen an, sagt Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD).
- Durch mehr Einsatz- und Aufstiegsmöglichkeiten wird der Pflegeberuf aufgewertet, sagt der Deutsche Pflegeverband.
- Die Reform sieht eine Befreiung vom Schulgeld und die Einführung einer tariflich geregelten Ausbildungsvergütung vor.

KONTRA
- Da in der dreijährigen Ausbildungszeit drei Qualifizierungen das Ziel sind, müssen die Schüler auch drei Praxisorte durchlaufen, was die Ausbildungszeit pro Ort verkürzt, befürchtet das "Bündnis für Altenpflege" aus Fachverbänden.
- Die Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser und Kinderabteilungen argumentiert, dass schon jetzt in vielen Bereichen eine zusätzliche zweijährige Weiterbildung nötig sei.
- Die Reform werde den Personalnotstand nicht verringern, sondern verschärfen, sagt Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens. So sieht es auch der Arbeitgeberverband BDA. Die neue Ausbildung sehe auch Phasen in der Altenpflege vor, die viele junge Leute eher abschrecke.