Frischlinge sollen öfter vor die Flinte

Frischlinge sollen öfter vor die Flinte

Rheinland-Pfalz will seine Wildschweindichte deutlich senken. Die Art und Weise, wie dabei mit Jungtieren umgegangen wird, passt allerdings nicht jedem.

Trier Fröhlich grunzend kommt ein junges Wildschwein den Hang hinabgelaufen und bleibt in der Hoffnung auf Futter erwartungsvoll vor dem Zaun des Trierer Wildgeheges stehen. Ein Zaun, durch den sich an Feiertagen zig Kinderhände schieben, um zu O-wie-süß-Rufen Frischlinge zu streicheln. Wenn die wüssten …Frischlingen wird es in Rheinland-Pfalz verstärkt an den Kragen gehen. Bachen und Keilern auch. Hat sich im Land doch eine breite Front gegen die wachsenden Wildschweinbestände gebildet. Ein 15 Punkte umfassendes Handlungsprogramm - unterzeichnet von Jadgverbänden, Jagdgenossenschaften, dem Bauern und Winzerverband, dem Gemeinde- und Städtebund sowie dem rheinland-pfälzischen Forstministerium - soll die Wildschweindichte deutlich senken. Denn trotz des großen Engagements der Jäger (und früherer Handlungsprogramme) sei bisher keine Trendwende gelungen.Die will man in Rheinland-Pfalz nun herbeiführen. Kreisjagdmeister sollen mit Landwirten, Förstern und Behörden "Aktionsgemeinschaften Schwarzwild" bilden, um Folgendes zu kommunizieren: Die Schweine sollen ganzjährig intensiv gejagt werden, das gilt vor allem für Bachen und Jungtiere. "Frischlinge sind umfassend und unabhängig von ihrer Verwertbarkeit zu bejagen" heißt es in dem Papier. Tierschützer sind empört. "Die toten Jungtiere werden also im Zweifel wie Müll entsorgt, das entspricht nicht dem gemäß Tierschutzgesetz vorgesehenen ,vernünftigen Grund', der für eine Tötung notwendig wäre", sagt eine Sprecherin des Deutschen Tierschutzbunds. Dass Wildschweine das ganze Jahr über gejagt werden, beunruhige zudem alle Waldtiere. Gerd Grebener, Kreisjagdmeister im Eifelkreis Bitburg-Prüm, betont allerdings, dass auch das Frischlingsfleisch verwertet wird. Um den Jägern entgegenzukommen, seien die verpflichtenden Trichinen-Untersuchungen bei Jungtieren bis 30 Kilogramm nun kostenlos, wenn die Jäger auch Blutproben einschicken, um diese auf die europäische und Afrikanische Schweinepest zu testen.Vor allem Letztere ist ein wichtiger Grund für das Aktionsprogramm. Fürchten alle Beteiligten doch, dichte Wildschweinbestände könnten dazu beitragen, dass die tödliche Krankheit sich von Osteuropa Richtung Westen ausbreitet. Und eine Impfung ist nicht möglich. Mehr Bewegungsjagden, Steuerbefreiung für Jagdhunde, Gemeinschaftsansitzjagden bei Vollmond, strenges Ahnden von Fütterungsverstößen oder das Hinzuziehen revierloser Jäger sind weitere Punkte, die dazu führen sollen, dass die Zahl der Wildschweine wieder sinkt - und mit ihr die Summe der von Schweinen verursachten Schäden. Dass es bei diesen Schäden um richtig viel Geld geht, steht außer Frage. Wie viel, weiß allerdings niemand, da Jagdpächter und geschädigte Bauern sich meist einvernehmlich über den Schadenersatz für zerwühlte Wiesen oder aufgefressenen Raps einigen - ohne die Summen statistisch zu erfassen.Winzer hingegen bleiben auf Schäden sitzen, da Sonderkulturen nicht entschädigungspflichtig sind. Dabei fressen Wildschweine auch Trauben mit Vergnügen. Mosel-Weinbaupräsident Rolf Haxel rät seinen Kollegen daher dazu, "den Fuß in die Türe zu bekommen", wenn Kommunen die Jagdpachtverträge abschließen - und Entschädigungen für Winzer auszuhandeln.Auch Privatleute haben niemanden, an den sie sich wenden könnten, wenn Wild ihren Garten umgräbt. Grundstücksbesitzer sind selbst dafür verantwortlich, ihr Eigentum mit Zäunen zu schützen - wobei Wildtierexperten wie Ulf Hohmann von der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt die Frage aufwerfen, ob es sich wirklich lohnt, einen Zaun für mehr als 10 000 Euro ziehen zu lassen. Handele es sich bei Wildschweinüberfällen auf Gärten doch oft um einmalige Ereignisse.Der Wildökologe hat sich intensiv mit der Frage befasst, was die wichtigsten Ursachen für die Explosion des Bestands sein könnten. Die milden Winter? Die Tatsache, dass Bäume viel häufiger Früchte werfen? Die Landwirtschaft?Eine Antwort hat ihm der Pfälzerwald gegeben. Ein riesiges zusammenhängendes Waldgebiet, in dem laut Hohmann Wildschweine leben, "die noch nie Mais gesehen haben". Im Pfälzerwald würden jährlich nur ein bis zwei Tiere pro Quadratkilometer erlegt, andernorts fünf bis zehn. "Da, wo Wildschweine Zugang zu Äckern haben, scheinen sie davon sehr zu profitieren", sagt Hohmann.Da der Pfälzerwald vom Klimawandel genauso betroffen sei wie andere Regionen, sieht der Ökologe in der Landwirtschaft die Hauptursache für das Populationswachstum."Maisäcker gibt es mittlerweile überall", sagt auch Günther Diether Klein, Sprecher des Landesjagdverbands. Besonders attraktiv sei auch der Raps, seitdem die Bitterstoffe weggezüchtet wurden. Zudem lasse mancher Bauer seine Felder direkt an den Wald grenzen, um ein Optimum rauszuholen. Den Jägern fehle so eine Schussschneise. Es sei wichtig, die Jäger dabei zu unterstützen, Wildschweine zu erlegen, ehe sie geschlechtsreif werden, sagt Klein. Denn ohne Abschüsse würde sich die Population pro Jahr verdreifachen.Da können sich die Schweine im Trierer Tiergehege wohl glücklich schätzen, hinter einem Zaun zu leben. Ihre wilden Artgenossen müssen sich in Zukunft noch besser verstecken, wenn sie nicht auf dem Teller (oder sogar in der Tonne) landen wollen.KommentarMeinung

Einfach nur töten ist inakzeptabel!Die Wildschweinbestände sind stark gewachsen, und damit gehen zahlreiche Probleme einher. Angesichts dieser Tatsache ist es nachvollziehbar, dass man die Jagd intensiviert - auch, wenn das bisher keine Trendwende gebracht hat. Absolut inakzeptabel ist es hingegen, dass das neue Handlungsprogramm dazu aufruft, Frischlinge so jung wie möglich abzuknallen, selbst wenn eine Verwertung gar nicht geplant ist. Das ist ein respektloser Umgang mit dem Leben der intelligenten Wildtiere. Geschossene Beute gehört auf den Teller und nicht in den Mülleimer! k.demos@volksfreund.deExtra: WILDSCHÄDEN IN DER REGION

Zwei Jäger schleppen bei einer Drückjagd des Forstamts Trier Ende 2016 ein Wildschwein, um es auf die „Strecke“ zu legen. Foto: dpa. Foto: ARRAY(0x1b5dc44b0)

Immer wieder haben Wildschweine in den vergangenen Jahren erhebliche Schäden angerichtet. In Konz-Könen pflügten sie fünf Hektar des Segelflugplatzes um, der in diesem Frühjahr für mehrere Tausend Euro wieder hergerichtet wurde. Ein Spielplatz am Trimmelter Hof, der Garten der Trierer Waldorfschule und zahlreiche Privatgrundstücke in der Region wurden heimgesucht. In Bernkastel-Kues beschwerten sich 2016 Touristen über die hohe Wildschweindichte im Stadtforst. Selbst eine Verletzte gab es: Auf dem Radweg zwischen den Trierer Stadtteilen Pfalzel und Pallien wurde eine Radfahrerin von einem Schwarzkittel gerammt. 2012 verwüsteten Borstentiere den Detzemer Sportplatz. Inzwischen wurde dieser mit einem Zaun gegen Wild gesichert. Wie hoch die Schäden für Privatleute, Kommunen oder Landwirte sind, weiß niemand, da dies nicht statistisch erfasst wird.

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