Krach mit Bonn

Der Mauerfall am 9. November 1989 war ein historischer Glücksfall. Unser Hauptstadt-Korrespondent Werner Kolhoff, damals Sprecher des (West-)Berliner Senats und Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD), schildert in dieser TV-Serie bis zum 12. November täglich seine persönlichen Erlebnisse rund um den Tag des Mauerfalls.

Eine Wechselstelle und ein Intershop 1989 in Ost-Berlin. Kurz vor dem Mauerfall ist eine der Hauptfragen: Wie kommen die Ostdeutschen an D-Mark, wenn sie in den Westen reisen wollen? TV-Foto: Andreas Schoelzel.

7. November 1989, Dienstag:

Theo Waigel, der Bundesfinanzminister, war gestern in der Stadt und hat gesagt: "Berlin ist nicht überproportional belastet." Es gebe vom Bund kein zusätzliches Geld für die Flüchtlinge.

Wir sind empört. Jetzt machen wir den schon länger schwelenden Krach mit Bonn öffentlich.

Seit Jahresbeginn sind 26 000 Übersiedler aus der DDR und 11 000 Aussiedler nach Berlin gekommen. Die meisten logieren in Notlagern. Viele Turnhallen sind blockiert. Auch das Messegelände, wo bald die Vorbereitungen für die Grüne Woche beginnen sollen, wird schon zweckentfremdet. Seit die Ausreise über die Tschechoslowakei möglich ist, kommen täglich 500 Menschen aus der DDR dazu. West-Berlin quillt über.

Es geht uns bei dem Streit mit der Bundesregierung, der auch die Tage während der Maueröffnung prägen wird, nicht nur um mehr Geld für die Bewältigung der Situation. Wir fühlen uns in Berlin seit Wochen von Bonn im Stich gelassen. So ist der Vorschlag des Senats, das Begrüßungsgeld für DDR-Touristen, 100 Mark, im Falle der Reisefreiheit direkt in der DDR durch die dortige Staatsbank auszuzahlen, noch nicht einmal beantwortet worden. Nur mündlich haben wir die Auskunft bekommen, die Auszahlung sei ein "hoheitlicher Akt" der Bundesrepublik und dürfe daher nicht an die DDR abgegeben werden.

Die Stelle des Bundesbevollmächtigten in Berlin ist seit Monaten vakant, so dass uns unser wichtigster Ansprechpartner des Bundes fehlt. In dieser Situation schreibt der Regierende Bürgermeister Walter Momper einen direkten Brief an Kanzler Helmut Kohl, der das Verhältnis für lange Zeit vergiften wird. Er beginnt mit der süffisanten Formulierung: "Hiermit erlaube ich mir, Ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Entwicklungen zu lenken, die der Veränderungsprozess in der DDR in diesem Teil Berlins hervorrufen dürfte". Und endet mit dem drohenden Hinweis, die alliierten Stadtkommandanten hätten ihm, Walter Momper, "zu erkennen gegeben, dass sie sich darauf vorbereiten, die Bundesregierung bald an ihre Verpflichtungen aus der Erklärung über Hilfeleistungen für Berlin, die seit dem 5. Mai 1955 gilt, zu erinnern". Ich informiere die Presse darüber, dass morgen die zweite Sitzung der Senats-Arbeitsgruppe stattfindet, die Berlin auf die neue Reisefreiheit vorbereitet. "So soll der Ansturm von drüben bewältigt werden" titelt dazu am Mittwoch die "Berliner Morgenpost". Bei dieser zweiten Sitzung der Arbeitsgruppe werden Zwischenberichte der beteiligten Verwaltungen über ihre Vorbereitungen aufgerufen.

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