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Wirtschaft
Höhere Lohnkosten schaden nicht

Berlin. Gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforscher sehen Entwicklung positiv. Von Stefan Vetter

Die zuletzt gestiegenen Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft haben im vergangenen Jahr weiter um 2,8 Prozent zugelegt – deutlich mehr als im EU-Durchschnitt. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsexperten sieht das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) darin aber keinen Grund zur Besorgnis. Vielmehr habe Deutschland weiter „Nachholbedarf“, sagte Institutsdirektor Gustav Horn im Montag bei der Vorstellung einer entsprechenden Untersuchung in Berlin.

Zu den Arbeitskosten zählen die Bruttolöhne sowie die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, aber auch Aufwendungen für die Aus- und Weiterbildung der Beschäftigten.

Laut IMK-Report mussten die Betriebe in der privaten Wirtschaft für eine geleistete Arbeitsstunde im vergangenen Jahr 34,60 Euro aufwenden. Im gesamten Euro-Raum waren es durchschnittlich 30,40 Euro und über alle 28 EU-Länder hinweg nur 26,60 Euro.

Der deutliche Anstieg in Deutschland geht in erster Linie auf die Nachwirkungen des 2015 eingeführten Mindestlohns sowie die allgemeinen Lohnzuwächse zurück. Die tariflichen Steigerungen lagen 2017 im Schnitt bei 2,4 Prozent.

Auch die gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten, also das Verhältnis von Arbeitskosten und Produktivität, sind in Deutschland 2017 mit 1,8 Prozent schneller gestiegen als im Schnitt des Euro-Raums (0,8 Prozent). Nach Einschätzung von IMK-Chef Horn markiert diese Entwicklung eine erfreuliche Trendwende. „Die Arbeitskosten steigen, und das ist gut so.“ Zeigten doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre eindeutig, dass es Deutschland wirtschaftlich besser gehe, „seitdem die Fixierung auf möglichst niedrige Arbeits- und Lohnstückkosten etwas nachgelassen hat“, erläuterte Horn. „Jetzt wächst die deutsche Wirtschaft solide, und das nicht trotz, sondern wegen der etwas stärkeren Zunahme bei den Löhnen.“ Zugleich zeigte sich Horn davon überzeugt, dass Deutschland bei den Löhnen noch einen Nachholbedarf für mindestens fünf weitere Jahren habe.

Auch dafür liefert die IMK-Untersuchung einige Zahlen: So verzeichne die Bundesrepublik im gesamten Zeitraum zwischen 2001 und Ende 2017 den drittniedrigsten Anstieg bei den Arbeitskosten in der EU. Pro Jahr waren es im Schnitt 2,1 Prozent. Nur Griechenland und Portugal lagen mit 0,6 beziehungsweise 1,5 Prozent darunter. Im gesamten EU-Raum waren es in diesem Zeitraum durchschnittlich 2,6 Prozent pro Jahr. Aktuell liegt Deutschland bei den Arbeitskosten auf Rang Sechs unter den EU-Ländern. Spitzenreiter sind Dänemark, Belgien und Schweden. Dort liegen die Aufwendungen der privaten Wirtschaft pro Arbeitsstunde zwischen 6,60 Euro und neun Euro höher als hierzulande. Das langjährige „extrem schwache Wachstum“ der Lohnstückosten in der Bunderepublik habe auch zu den wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euro-Raum beigetragen, heißt es in der IMK-Studie.

Dagegen hatte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die hohen Arbeitskosten schon in einer zu Jahresbeginn veröffentlichten Untersuchung als Standortnachteil eingestuft. Unternehmensbefragungen zeigten, dass sie „ein erhebliches Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung darstellen und die Investitionen der Firmen hemmen“, so die IW-Experten damals.