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Trier
Jürgen Hingsen: Ein Herkules mit Hollywood-Leben - Besuch in Trier

Zehnkämpfer Jürgen Hingsen beim Hürdenlaufen und Weitsprung bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Bei Olympia 1988 in Seoul erlebte er im 100-Meter-Lauf einen tragischen Moment (oben rechts).
Zehnkämpfer Jürgen Hingsen beim Hürdenlaufen und Weitsprung bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles. Bei Olympia 1988 in Seoul erlebte er im 100-Meter-Lauf einen tragischen Moment (oben rechts). FOTO: picture alliance / Heinz Wiesele / Heinz Wieseler
Trier. Der deutsche Herkules, Hollywood-Hingsen und berühmtester Fehlstarter: Zehnkampf-Legende Jürgen Hingsen (60) hat beim Besuch in Trier einiges über seinen Sport, sein Leben und seinen alten Rivalen zu erzählen. Von Andreas Feichtner
Andreas Feichtner

Juli 2084: Im Los Angeles Memorial Coliseum, der großen alten Dame unter den Riesenstadien, wird die Zeitkapsel gehoben. Wie ausdrück­lich von denen gewünscht, die sie vor fast 100 Jahren dort verbuddelt haben. Unter der Bronzeplatte, die den Weg zu ihr weist. Sie ist voll mit Erinnerungen an die Olympischen Spiele von 1984 an gleicher Stelle. Die offizielle Olympia-84-Dokumentation „16 Days of Glory“ liegt dort sicher vergraben.

Diesen Tag werden Jürgen Hing­sen und Daley Thompson und die allermeisten, die 1984 mit ihnen litten, fieberten, feierten, eher nicht erleben. Aber genau dieses Duell wird dann wieder in Erinnerung gerufen. Der legendäre Zehnkampf. Das Duell zwischen dem Briten und dem West-Deutschen. Mit dem besseren Ende für Daley Thompson. Wie immer, wenn es gegen Jürgen Hingsen ging. „Wenn der Gold will, muss er schon in eine Mine gehen“, sagte Thompson mal über seinen Rivalen, dem er einst den nicht so netten Spitznamen „Hollywood-Hingsen“ verpasst hatte.

Ende Oktober 2018. Jürgen Hingsen, inzwischen 60, ist bester Laune vor seinem Vortrag im Rückenzentrum Trier (siehe Extra). Er schwärmt von der „Edelstein-Massage“, sagt, wie er seine Rückenprobleme in den Griff bekommen hat – und erzählt charmant Anekdoten aus einer alten Zeit, in der er sich in der Öffentlichkeit zwischen Gottschalk und Stalin wiederfand. Aber dazu später mehr.

Der Olympia-Film in der Zeitkapsel? Ach, da kommt was auf die Nachgeborenen zu. „Der Film geht zweieinhalb Stunden, da sollte ja alles drin sein zu Olympia“, sagt Hingsen. „Aber der Zehnkampf war darin allein mit einer halben Stunde vertreten.“ Was er nicht sagt: Das lag vor allem an Thompson und ihm, dem Duell um Gold und Silber. „Ich war immer glücklicher Zweiter“, sagt er. Nach dem Stabhochsprung war der Wettkampf entschieden. Nach einer allergischen Reaktion auf ein  Schmerzmittel. „Ich weiß gar nicht mehr, wie ich es überhaupt noch über die Anfangshöhe von 4,50 Meter geschafft habe. Da konnte ich die Stäbe zusammenpacken.“

Dass auch auf den Plätzen drei und vier zwei Bundesdeutsche folgten – Siggi Wentz und Guido Kratschmer – haben viele längst vergessen. Und dass 1988 ein Deutscher sogar Olympia-Gold in Seoul gewann, war von Kiel bis Konz kaum ein Gesprächsthema. Christian Schenk startete schließlich für die DDR – und war damit in BRD-Medien außen vor. In seiner Autobiografie bestätigte Schenk kürzlich, dass er damals wissentlich gedopt hatte. Aber das ist ein anderes Thema.

Denn im Westen war 1988 das große Zehnkampf-Duell zwischen Daley Thompson und Jürgen Hingsen schon vor dem ersten Meter beendet. Erste Disziplin: Drei Fehlstarts beim 100-Meter-Lauf. Bei einem war er nur eine Tausendstelsekunde zu früh raus aus dem Startblock. Disqualifikation. Mehr als das: Karriereende. Aber das wusste er damals noch nicht.

„Das war ein Riesenschock“, erinnert er sich. Für Hingsen begann eine Leidenszeit – in jeder Hinsicht. Karriere zu Ende, der Ruf ramponiert. „Ich musste lernen, damit umzugehen. Die Presse hatte mich damals kaputtgeschrieben. Die Bild-Zeitung kürte mich zum ‚Versager des Jahrtausends’ und zeigte mich an der Seite von Kriegsverbrechern wie Hitler und Stalin“, erinnert er sich. „Ich bin eine rheinische Frohnatur, wollte die Leute mit Sport begeistern und lebe Empathie. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden und mich zurückgezogen.“ Es habe lange gedauert, bis er wieder an die Öffentlichkeit gegangen ist. „Die Karriere war dann zu Ende. Ich hätte mir einen anderen Abschied gewünscht.“

Das war die Schattenseite. Bei Hingsen, dem 2,03-Meter-Hünen mit dem breiten Grinsen, erinnert man sich aber vor allem an jemanden, der Spaß macht. Und der nicht nachtragend ist. So hatte die „psychologische Kriegsführung“ sicher dazu beigetragen, dass Thompson in den Wettkämpfen am Ende jubelte – obwohl Hingsen Weltrekordhalter angetreten war. .„Das war damals hart. Ich war die persönlichen Attacken nicht gewöhnt und hatte auch keinen Berater, der mir gesagt hätte, wie ich damit umgehen soll“, erinnert sich der Mann aus Duisburg. „Heute werden Sportler mental ganz anders vorbereitet. Mir wurde damals gesagt, da brauchst du einen Psychoklempner – das war verpönt.“

Im Gegensatz zu Thompson hatte Hingsen auch keine Spezialtrainer in einzelnen Disziplinen – sonst hätte er im Diskuswerfen sicher zulegen können. Zum Stabhochsprung kam der Sportler von Bayer Uerdingen auch erst mit 19 Jahren. Aber von der Rivalität profitierten auch beide. „Daley und ich sind inzwischen ziemlich beste Freunde“, sagt Hingsen. Zum 50. Geburtstag hatte er den Briten samt Familie nach Mauritius eingeladen. Auch ihren 60. Geburtstag wollen sie noch gemeinsam nachfeiern. „Wir haben eine Radtour am Rhein geplant. Eigentlich schon im Sommer – aber das mussten wir verschieben.“

Für die Jüngeren: Jürgen Hingsen war in den 80ern nicht nur Zehnkämpfer, er war regelrecht ein Popstar. „Ich war damals allein in 120 Fernsehsendungen, von ‚Wetten dass?!’ bis Thomas Gottschalks ‚Na so was’“. Auch eins der berühmteren „Stern“-Titelbilder ziert Hingsen. Nackt, beim Speerwurf, muskelbepackt und komplett mit Goldfarbe besprüht. „Der deutsche Herkules“ stand daneben. „Ich habe eine Woche gebraucht, bis die Farbe komplett raus war.“ Der Spitzname Herkules hielt sich noch länger. Den „Hollywood“-Ruf hat er sich auch durch eine Filmproduktion erarbeitet. Er schaffte es an der Seite vom damaligen Jungstar Patrik Bach, Karl Dall und Gewichtheber (!) Rolf Milser zu einer Kinofilm-Hauptrolle. „Drei und eine halbe Portion“ wurde kräftig verrissen. „Das war eine Klamauknummer. Da waren wir vier Wochen auf Mallorca – und das Honorar stimmte.“ Denn auch wenn Hingsen teilweise in den Medien omnipräsent war – richtig dicke Gagen waren für einen Zehnkämpfer damals nicht zu verdienen. „Ich konnte auch nicht mehr als zwei, drei Wettkämpfe pro Jahr machen“, sagt der Allrounder, der seine größten Stärken im Weitsprung und Hochsprung hatte. Hingsens Leistungen im Zehnkampf sind bis heute nicht für seine Landsleute zu knacken. Sein Weltrekord aus dem Jahr 1984 mit 8832 Punkten ist weiterhin Deutscher Rekord.

Wie sehr ein Zehnkampf damals wie heute an die Substanz geht, das sieht man bei den Athleten heute oft noch nach der letzten Disziplin. Hingsen erinnert sich dran. „Am Wettkampf musst du praktisch 48 Stunden durchhalten. Bei bis zu 16 Stunden Wettkampf am Tag, von früh morgens bis abends im Stadion – und dazwischen hast du kaum Gelegenheit, runterkommen“, sagt er. „Ich habe dann oft nach dem ersten Wettkampftag ein, zwei Weizen getrunken, um zumindest ein paar Stunden zu schlafen. Und wenn du dann gar nicht mehr kannst und nur noch schielst, musst du noch 1500 Meter laufen. Danach sind viele total erschöpft und brechen zusammen.“ Bis zu 12 000 Kalorien pro Wettkampftag verbrauche ein Zehnkämpfer – auch wegen des umfangreichen Aufwärmprogramms. Kostet Nerven, Kraft, sogar Muskelmasse. Und am Ende gewinnt Daley Thompson. So wird’s zumindest im Juli 2084 für die Zeitkapsel-Videofreunde aussehen.

ARCHIV - Der Zehnkämpfer Jürgen Hingsen (BRD, li) diskutiert  vergeblich mit dem Schiedsrichter. Nach dreimaligem Fehlstart beim 100-m-Lauf  am 28.09.1988 bei den XXIV. Olympischen Sommerspielen von Seoul wird er disqualifiziert und des Stadions verwiesen. Die Zehnkampfentscheidung findet ohne ihn statt.  (zu dpa-Meldung: «Wiener Walzer in der Semperoper: «Hollywood-Hingsen» tanzt zum 60.» vom 23.01.2018) Foto: ./dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
ARCHIV - Der Zehnkämpfer Jürgen Hingsen (BRD, li) diskutiert vergeblich mit dem Schiedsrichter. Nach dreimaligem Fehlstart beim 100-m-Lauf am 28.09.1988 bei den XXIV. Olympischen Sommerspielen von Seoul wird er disqualifiziert und des Stadions verwiesen. Die Zehnkampfentscheidung findet ohne ihn statt. (zu dpa-Meldung: «Wiener Walzer in der Semperoper: «Hollywood-Hingsen» tanzt zum 60.» vom 23.01.2018) Foto: ./dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | FOTO: picture alliance / ./dpa / .
ARCHIV - Der Zehnkämpfer Jürgen Hingsen schafft am 08.08.1984 bei den XXIII. Olympischen Sommerspielen von Los Angeles im Weitsprung 7,80 m. Nach Abschluss des zweitägigen Zehnkampf-Wettbewerbs hat Hingsen 8.673 Punkte akkumuliert und sich damit die Silbermedaille erkämpft (zu dpa-Korr.: "Hingsen sieht Zehnkampf-Rekord nich in Gefahr...."). Foto: Heinz Wieseler +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
ARCHIV - Der Zehnkämpfer Jürgen Hingsen schafft am 08.08.1984 bei den XXIII. Olympischen Sommerspielen von Los Angeles im Weitsprung 7,80 m. Nach Abschluss des zweitägigen Zehnkampf-Wettbewerbs hat Hingsen 8.673 Punkte akkumuliert und sich damit die Silbermedaille erkämpft (zu dpa-Korr.: "Hingsen sieht Zehnkampf-Rekord nich in Gefahr...."). Foto: Heinz Wieseler +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit FOTO: picture-alliance/ dpa / Heinz Wieseler
Aus Rivalen wurden Freunde: Jürgen Hingsen mit Daley Thompson bei einem Show-Armdrücken.
Aus Rivalen wurden Freunde: Jürgen Hingsen mit Daley Thompson bei einem Show-Armdrücken. FOTO: picture alliance / Henning Kaise / Henning Kaiser