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Abschied von der Insel der Glückseligen: Norbert Röttgen spricht sich für mehr Solidarität in Europa aus

Abschied von der Insel der Glückseligen: Norbert Röttgen spricht sich für mehr Solidarität in Europa aus

Europa steckt in der größten Krise seit den Römischen Verträgen - so sieht es jedenfalls Norbert Röttgen. Der CDU-Politiker war am Wochenende zu Gast in Prüm. Im Regino-Gymnasium sprach er unter anderem über den Ukraine-Konflikt, den Brexit und den Terror.

Prüm. Von Anne Will bis "Hart aber Fair" - Norbert Röttgen saß schon in fast jeder Fernseh-Talkshow auf dem Sessel. Doch heute, im Fürstensaal des Prümer Regino-Gymnasiums, darf der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages mal ausreden. Worüber er spricht? Über Außenpolitik natürlich: Russland, die Türkei, die Ukraine, Syrien, die USA, und und und.
Eingeladen wurde er vom Verein der Ehemaligen und Freunde der Schule. Deren Vorsitzender Jan Herbst stellt dem Redner Röttgen schon in der Eröffnungsrede die entscheidende Frage: "Ist die EU am Ende?" Die Antwort des CDU-Politikers: Am Ende noch nicht, aber am Rande des Abgrunds. Der Grund: Es gebe nicht eine Krise, sondern gleich mehrere zur selben Zeit. Und: "Jede von ihnen ist bedrohlicher als alles, womit es die Europäer bislang zu tun hatten." Er meint damit den seit zweieinhalb Jahren schwelenden Ukraine-Konflikt ("Ein Krieg auf europäischem Boden"), die Euro-Krise (Iimmer noch nicht überwunden"), die Politik Erdogans ("Er will eine Diktatur") und vor allem die chaotischen Zustände im Nahen Osten. Naja, räumt er ein, ein sicherer Ort sei die arabische Welt bekanntlich nie gewesen. Also was ist neu? Neu ist, dass wir auf unserer "Insel der Glückseligen", nicht mehr die Augen davor verschließen können, was dort vor sich geht, sagt Röttgen: "Diese Insel gibt es nicht mehr." Die Krise komme zu uns, nach Europa - in Form von Terror, in Form von Flüchtlingswellen. "Auf einmal bemerken wir, dass das Mittelmeer zwei Ufer hat", sagt er: "Auf der einen Seite haben wir Urlaub gemacht, auf der anderen regieren Armut, Gewalt und Angst." Von denjenigen die dort leben, kämen zwei Gruppen auf unseren Kontinent: die, die so leben wollen wie wir und die, die unseren Lebensstil hassen. Und wie können wir dieser Krise Herr werden? "Nur vereint", sagt der Politiker.Das Problem laut Röttgen: Eine weitere, vielleicht noch tiefere Krise der EU, ist eine innere, eine der Solidarität: "Wir sind in Europa nicht mehr handlungsfähig, kommen in fast keiner Sache zu einem Ergebnis." Staatlicher Egoismus, bis hin zum Nationalismus, greife auf dem Kontinent um sich. Viele, so seine These, wollen sich abschotten, wollen die Probleme wegschieben, sich entziehen. Beispielhaft dafür: der Brexit. Und so könne es nicht weitergehen. "Zum ersten Mal", sagt er, "könnte Europa scheitern." Was muss also getan werden, damit das nicht passiert?
Der Westen müsse als Einheit auftreten, die Staaten mehr Kompromisse eingehen. "Und wir, die Vernünftigen, dürfen den öffentlichen Raum nicht den Schreihälsen überlassen." Er meint damit die Rechten, die Euroskeptiker von Petry bis Le Penn.
Nach diesem Plädyoer und einer Fragerunde gibt es für Röttgen schallenden Applaus von den etwa hundert Gästen im Fürstensaal und einen Eifelschnaps von den Ehemaligen. Im nächsten Jahr soll die Vortragsreihe mit prominenten Gästen weitergehen, kündigt Vorsitzender Herbst an.