Kultur : Einer mit zwei Leben

Ein ungewöhnlicher Mann ist in der Talkreihe „Einblicke“ von Herbert Fandel zu Gast. Es ist Samuel Koch, dessen Schicksal 2010 eine dramatische Wendung erfuhr.

Diesmal wird es anders. Ganz anders. Das weiß Herbert Fandel schon jetzt. Denn der Gast, den der Kulturamtsleiter des Eifelkreises, Herbert Fandel, am Donnerstag, 15. November, in der Talkreihe „Einblicke“ in Bitburg empfängt, ist anders. Ganz anders als die anderen Gäste, die Fandel schon interviewt hat. Nicht nur, weil er kein Politiker, kein Kirchenmann, kein Prominenter, keine öffentliche Person im üblichen Sinn ist.

Es ist Samuel Koch. Ein Mann, auf den das Prädikat „im üblichen Sinne“ ohnehin nicht passt. Einer mit einem unbändigen Willen, einer, der lange Zeit mehr tot als lebendig war, einer, dessen erstes Leben am 4. Dezember 2010 mit einem Paukenschlag endet. Denn an diesem Tag springt der damals 23-Jährige bei einer Wette mit speziellen Sprungstiefeln nacheinander über fünf fahrende Autos, stürzt. Und bleibt bewegungslkos liegen. Die Katastrophe, das Unfassbare geschieht. Wenige Tage später steht fest: Der gebürtige Neuwieder wird vom Hals an abwärts gelähmt sein.

Ein Tag, an den sich auch Herbert Fandel, der wie Millionen andere  Zuschauer vor dem Fernseher saß, noch genau erinnert. „Ich war sprachlos, entsetzt, schockiert“, sagt er. Mehr noch: „Seitdem geht mir dieser Mann nicht aus dem Kopf.“

Fandel verfolgt das Schicksal Kochs, der fortan noch stärker im Interesse der Öffentlichkeit steht, intensiv. Der Mann, der bis zum Unfall seinen Wehrdienst ableistete und seit seinem sechsten Lebensjahr Geräteturner war, durchläuft eine Odyssee an Qualen und Schmerzen. Mehr tot als lebendig, „flicken“ ihn Ärzte zusammen. Ende 2011 wird er in sein neues Leben entlassen -  einsperrrt in einen Körper, „den ich nicht mehr fühle und in dem ich mich seit dem Unfall keinen Augenblick wohlgefühlt habe“ (aus: „Samuel Koch. Zwei Leben“).

Doch Koch gibt nicht auf. Sein zweites Leben beginnt. Ganz rasch, fast ohne Umschweife, fast, als habe es nie die Katastrophe gegeben, nie einen Zweifel. Schon im April 2012 erscheint seine Biografie „Samuel Koch. Zwei Leben“. Koch geht auf Lesetouren, führt sein vor dem Unfall begonnenes Schaupielstudium fort, das er Anfang 2014 mit Erfolg beendet. Er  arbeitet nun als Schauspieler, macht Lesungen, engagiert sich sozial. Er heiratet, veröffentlicht sein zweites Buch „Rolle vorwärts - Das Leben geht weiter als man denkt“.

Fandel liest beide Bücher und ist tief beeindruckt „von dem Willen und der Kraft dieses Mannes“, der sich wieder ins Leben zurückgekämpft hat. So schreibt Koch in seinem Buch „Rolle vorwärts“: „Ich habe jeden Tag Gründe zum Lachen, tiefgehende Gespräche, lohnende Herausforderungen. Ich bekomme und gebe hoffentlich viel Liebe. Den negativen Dingen, die ebenfalls täglich da sind, gestehe ich einfach nicht viel Wichtigkeit zu.“

Nicht nur diese Lebensfreude von Koch findet Fandel außergewöhnlich. Auch alles andere an diesem Menschen interessiert ihn. Ende 2017 nimmt er Kontakt zu dessen Vater auf, der die Geschäfte des Schauspielers managt. „Die Zusage kam relativ zügig.“ Fandel bereitet sich auf das Gespräch vor. „Doch es ist anders, als es bei meinen bisherigen Gästen war“, sagt er. „Es geht um menschliche Dinge, um Gefühle, darum, wie man in ein Gespräch kommen kann, wenn einen die Emotionen packen“, sagt Fandel. Und schließt nicht aus, dass er auch derart berührt werden könnte, dass er zunächst einmal sprachlos ist.

Was Fandel aber nicht stört, denn er ahnt, dass dieser Dialog kein Talk im üblichen Sinne sein wird. Aber ist es nicht schwer, diesem Mann, der schon so viel geschrieben hat und gefragt wurde, etwas Neues zu entlocken? Fandel hofft es. Er will ans Eingemachte gehen - aber sorgfältig, behutsam und mit Respekt. „Ich würde gerne mit Koch über die Themen Glaube, Gott und Suizid sprechen.“ Das interessiert den Kulturamtsleiter sehr. Denn er will wissen, ob Koch, der als sehr gläubig gilt, jemals darüber nachgedacht hat. Er, der unter höllischen Schmerzen zu seinem Pfleger sagte: „Schieß mich ab!“ Aber auch Fragen nach Schuld, Würde, Schamgefühl, Freundschaft, Familie und Liebe will Fandel stellen. Und auch die, ob er das Risiko eines solchen Sprungs noch einmal eingehen würde.

Gibt es Tabus? „Nein, das glaube ich nicht. Das wäre genau das Falscheste, so wie ich ihn einschätze. Es kann alles angesprochen werden, die Frage ist nur: in welcher Form. Ich werde sehr behutsam vorgehen, aber ich werde nichts aussparen. Ich glaube, wir können über alles reden.“ Wie wird der Abend? „Auf jeden Fall emotional. Die Menschen werden beeindruckt, vielleicht auch bedrückt nach Hause gehen.“ Eben anders. Ganz anders als bisher.