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Die Jagd nach dem nächsten großen Moment

Die Jagd nach dem nächsten großen Moment

2004 hat Mark Zuckerberg das heute größte soziale Netzwerk gegründet. Seitdem dokumentieren wir täglich öffentlich unser Leben - und schaffen uns Stress. Eine Zwischenbilanz.

Trier. Die Party war übel, richtig übel. Und die 500 Leute, die außerdem da waren, dachten ähnlich. Selten habe ich so viele schlecht gelaunte Menschen auf einem Haufen gesehen. Doch als ich tags darauf im Internet die Fotogalerie zu jener Party anklickte, traute ich meinen Augen nicht: Da wurde um die Wette gestrahlt, als würde das überzeugendste Lächeln mit einer Fernreise prämiert. Und jeder, der nicht auf der Party gewesen war, musste den Eindruck gewinnen, er hätte das Event des Jahres verpasst.
Das war das erste Mal, dass ich den Bildern nicht mehr glaubte. Seitdem hatte ich viele solcher Erlebnisse, und daran trägt Facebook Schuld. Dabei meint dessen Chef Mark Zuckerberg es eigentlich gut mit mir. Er verspricht mir: "Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen." Nun ist das mit dem "Inhalte teilen" so eine Sache. Denn die "Inhalte" sind in vielen Fällen nur Handy-Schnappschüsse. Und auch das Wort "Teilen" hat bei Mark Zuckerberg eine andere Bedeutung als bei Mutter Teresa: Hier geht es nicht um Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Ob man ein Brot teilt oder ein Foto ist ein himmelweiter Unterschied. Ersteres stillt den Hunger, Letzteres weckt ihn.
Denn geteilte Fotos zeigen niemals schnöden, öden Alltag. Keinen frustrierten Angestellten, der von seinem Vorgesetzten zusammengestaucht wird. Keine Mutter mit kreischendem Balg, die in der Supermarktschlange verzweifelt. Kein zerstrittenes Paar, das sich über die unverschlossene Zahnpastatube in die Haare gerät. Vielmehr sind die Fotosammlungen auf Facebook Best-of-Alben, in denen Menschen ihr Leben als Aneinanderreihung großer Momente präsentieren. Also sieht man seine "Freunde" in den Metropolen der Welt, an Bilderbuchstränden, auf Skipisten und in angesagten Clubs und Bars. Man sieht sie lachend, küssend, feiernd. Und selbst wenn sie einer unspektakulären Tätigkeit wie Essen nachgehen, wird garantiert nicht Dosenravioli aufgetischt, sondern Steak von einem täglich massierten Rind oder ein exotisches Spezialgericht.
Man könnte neidisch werden. Wie unsere Eltern oder Großeltern, wenn der Nachbar mit dem neuen Mercedes vorfuhr. Bloß taugen heute, in Zeiten von Wohlstand und Überfluss, Autos nur noch bedingt als Statussymbol. Wer prestigemäßig punkten will, braucht nicht mehr PS, sondern mehr Erlebnisse. Selbst Langeweilern kann dabei geholfen werden: "Reise dich interessant", verspricht ein namhaftes Online-Reisebüro all jenen, die ohne viel Aufwand ihr gesellschaftliches Kapitel mehren möchten. Für diese Form der Anerkennung bietet Facebook die richtige Plattform. Jedes "Gefällt mir" für ein Urlaubs-, Party-, Sport- oder Essensfoto ist die Bestätigung dafür, dass man das richtige Leben führt.
Doch die Freude währt nur kurz. Weil es immer jemanden gibt, der mehr erlebt, aufregendere Orte besucht, wilder feiert - zumindest machen die Bilder dies glauben. Auf diese Weise sorgt Facebook dafür, dass unser Privatleben ständig auf dem Prüfstand steht. Immer wieder müssen wir der Weltöffentlichkeit beweisen, dass es uns prächtig geht, dass wir glücklich sind. Es genügt nicht zu leben, wir müssen ein interessantes Leben vorweisen können.
Das hat Auswirkungen auf unser Sozialverhalten. Freizeit, das war einmal das Gegenmodell zur Arbeitszeit. Der Beruf mochte Hochleistung verlangen, doch mit dem Feierabend begann das entspannte Leben. Die sozialen Netzwerke haben diese Trennung aufgehoben. Mit Handy-Selbstporträts, den sog. Selfies, dokumentieren wir, was wir außerhalb der Arbeitszeit leisten. So entsteht Freizeitstress. Statt die Zeit mit Freunden und Partnern unbeschwert zu genießen, sind wir in Gedanken schon beim nächsten Facebook-Eintrag, natürlich mit "spontanem" Foto, das beweist, wie viel Spaß wir gerade haben. Was dabei auf der Strecke bleibt: die Hingabe an die Gegenwart, das Eintauchen in den Augenblick. Gefällt mir nicht.
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volksfreund.de/facebookExtra

2003: Mark Zuckerberg entwickelt in den USA den Facebook-Vorgänger, eine Bewertungsseite für Studentinnen. 2004: Facebook startet in heutiger Form, das Unternehmen Facebook Inc. wird gegründet. 2011: Die Plattform erreicht im September 800 Millionen Mitglieder weltweit. 2012: Facebook gibt den Zukauf des Fotodienstes Instagram bekannt und geht im Mai an die Börse; 19. Februar 2014: Facebook Inc. kauft den Messenger-Dienst WhatsApp für umgerechnet 13,81 Milliarden Euro. 25. März 2014: Facebook Inc. übernimmt Oculus VR, den Erfinder von 3-D-Datenbrillen. red