Heitere Schale, ernster Kern

Heitere Schale, ernster Kern

Das Konzert mit dem Delian-Streichquartett im Mosel Musikfestival sollte ein musikalischer Witz werden. Tatsächlich gab es für die rund 50 Besucher im Barocksaal Machern genug Anlass zu Heiterkeit. Dahinter freilich versteckten sich auch Strenge und Ernst.

Bernkastel-Kues. Der Bratscher kam als Letzter. Während die Cellistin und die beiden Geiger vom Delian-Quartett im Barocksaal Machern schon einstimmten und fleißig Doppelgriffe übten, hetzte der vierte Mann durchs Publikum, griff hektisch nach einem Notenbündel in der Reisetasche und stellte sich dann mit den Kollegen konzertgerecht auf. Die allerdings waren auch erst allmählich eingetrudelt, was den Eindruck einer umgekehrten Abschieds-Sinfonie vermittelte.
Was dann kam, war so erheiternd wie dieser sukzessive Auftritt. Wobei in Paul Hindemiths Quartettstück mit dem endlosen Titel "Ouvertüre zum Fliegenden Holländer, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um sieben am Brunnen vom Blatt spielt" die offenkundige Parodie bestach, aber auch das versteckte Original. Hindemith gelingt in dieser "Ouvertüre" etwas Erstaunliches, und die Delians setzen es perfekt um: In der Parodie bleibt Wagners Stil erstaunlich präsent - sogar die Eigenarten der Instrumentation mit ihren flirrenden Streichern und markanten Hörnern. Wenn das nicht genial ist!Anlass für echte Entdeckungen



Auch in der Theater-Suite von Dimitri Schostakowitsch gab es genug Anlass für echte Entdeckungen. Da verlegte sich das Delian-Quartett nicht auf das Schrille und Ängstliche in der Tonsprache des sowjetischen Komponisten, sondern spielte die Musik zu "Hamlet" (op. 32) und "Die menschliche Komödie" (op. 37) rein und natürlich aus. Und brachte damit die freie, die unverstellt menschliche Seite bei Schostakowitsch zum Klingen.Mosel Musikfestival


Haydns heikles Quartett op. 33,2 freilich litt dann doch unter der Überakustik im spärlich besetzten Raum. Da gerieten die Akzente eine Spur zu breit und die leisen Stellen ein wenig zu laut. Der hoch gespannte, griffige und immer entschiedenere Humor dieser Musik kam zu kurz.
Und die wirklich witzigen Generalpausen am Ende, sie wirken - jedenfalls gefühlt - zu ausgedehnt; immerhin schreibt der Komponist die Länge genau vor. Mitten in dieses hübsche, witzige und dabei gehaltvolle Programm hatten die Delians ganz andere Musik gestellt - fast von einem fremden Stern.
Heiter ist Bachs Spätwerk "Die Kunst der Fuge" ganz bestimmt nicht. Und wo sie sonst Humor verbreiteten, da praktizieren die Delians jetzt Ernst und musikalische Strenge. Ausgeprägter noch als sonst kultivierte das Quartett einen fast vibratolosen, perfekt in sich ruhenden Gesamtklang, lieferte in den raschen Sechzehnteln des 9. Stücks ein spieltechnisches und musikalisches Glanzstück, leuchtete die komplizierten Stimmenverhältnisse im 7. Stück aus.
Einzig in der auch harmonisch überaus komplexen Fuge Nr. 11 blieb die wünschenswerte Transparenz stellenweise aus. Und klar: Kein Interpret kommt an der unvollendeten Schlussfuge vorbei. Obwohl mittlerweile höchst zweifelhaft ist, dass Bach über dieser Fuge starb, wie sein Sohn Carl Philipp Emanuel Bach notiert. Neuerdings gibt es sogar die Vermutung, Bach habe die Fuge nicht zu Ende geführt, weil er mit ihr unzufrieden war. Vielleicht sind die vollendeten Fugen in diesem Opus doch die bessere Wahl.

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