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Musik in Raum und Zeit

Mischung aus vokal und instrumental: das Nachtkonzert in der Trierer Konstantinbasilika. Foto: Artur Feller
Mischung aus vokal und instrumental: das Nachtkonzert in der Trierer Konstantinbasilika. Foto: Artur Feller FOTO: (g_kultur
Trier. Es war ein beeindruckendes Nachtkonzert: Der rot ausgestrahlte Riesenraum der Trierer Konstantinbasilika, dazu zwei hochkarätige Ensembles und im Programm eine geschickte Mischung aus Alt und Modern, vokal und instrumental. Freilich gibt das Konzert auch Anlass zur Nachdenklichkeit. Martin Möller

Trier. Ein großer Moment: Bei Bernd Frankes zeitgenössischer Komposition "And Why" verlassen die fünf Vokalisten vom Calmus Ensemble ihre Plätze vor dem Altar und bewegen sich langsam durch die rot ausgestrahlte und mit knapp 500 Besuchern besetzte Trierer Konstantinbasilika. Und mit einem Mal verbreitet die Musik eine ungeahnte Fülle und Weite. Im Riesenraum der ehemaligen Palastaula erscheinen Klänge nah und fern zugleich.
Auch wenn Sängerin und Sänger dann wieder zurückkehren auf ihre Positionen: Ihr Gesang behält seine philosophische Würde. Da appelliert jemand mitten im optischen Zeitalter an die ganz eigene Wahrnehmung des Ohrs - an die Fähigkeit, Räume zu erleben, Zeitabläufe nachzuvollziehen, Gemeinsamkeiten zu spüren und bei Arvo Pärts "Fratres" sogar eine Ahnung von Ursprünglichkeit zu gewinnen.
Zwei exzellente Formationen gaben diesem Nachtkonzert im Mosel Musikfestival künstlerisch Gestalt. Das Calmus Ensemble ist bei Bach und der Moderne gleich hervorragend und lieferte in Guillaume Dufays hochkomplexer Papstmotette "Ecclesiae militantis" von 1431 zudem ein melodisch-rhythmisches Glanzstück. Und auch beim Instrumentarium der fünfköpfigen Lautten Compagney (Wolfgang Katschner) sind alte Musik und zeitgenössische Kompositionen bestens aufgehoben.Mosel Musikfestival


Mit der sogenannten "historischen Interpretationspraxis" haben beide Gruppen eher wenig zu tun. Die Arrangements integrieren auch moderne Instrumente wie Marimbaphon und Handtrommel. Sie sind eigenwillig, aber perfekt. Bachs doppelchöriger Motettensatz "Wie sich ein Vater erbarmet/Gott nimmt dich ferner unser an" entfaltet in der gemischt vokal-instrumentalen Fassung einen Farbenreichtum, der bei Choraufführung häufig fehlt.
Im Chorsatz "Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen" des jungen Bach verschärft die kleine Besetzung gezielt die "klagenden" Dissonanzen. Immer wieder werden Vokal- und Instrumentalformationen neu miteinander verzahnt - gehen Soli und Ensemble, Vokales und Instrumentales ineinander über. Und dann zum Abschluss der Satz "An hellen Tagen/In dir ist Freude": ein raffinierter Mix aus Giovanni Giacomo Gastoldis "Balletto" von 1591 und der Bearbeitung des darauf basierenden Chorals in Bachs "Orgelbüchlein" von 1714. Und all das in einer prägnanten, subtil tänzerischen Interpretation. Fantastisch!Stimmungsvolle Unverbindlichkeit


Freilich: Das Konzert gibt auch Anlass zur Nachdenklichkeit. Bei allen Vorzügen - die großen, die letzten Klangerfahrungen bleiben aus. In der Konstantinbasilika verbreitete sich eine stimmungsvolle Unverbindlichkeit. Wo Bach und sein Textdichter Grenzsituationen beschreiben und in Tönen erfahrbar machen, bleiben die Interpreten im allzu engen Radius privater Melancholie.
Bezeichnend die Bach-Motette "Jesu meine Freude", deren theologische Dimension trotz des raffinierten Arrangements verloren geht. Die Tiefe solcher Musik klang bei den Interpreten nicht mit. So wirkungsvoll das Projekt auch war - ihr künstlerisches Potenzial haben beide Ensembles damit nicht ausgelotet.