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Flüchtlinge: Ratlose Bürger fordern Infos und Lösungen in Wittlich

Flüchtlinge: Ratlose Bürger fordern Infos und Lösungen in Wittlich

1500 Bürger wollen wissen, was passiert, wenn 1500 Flüchtlinge in einem Ex-Baumarkt untergebracht werden: Der Andrang zu einer Informationsveranstaltung im Eventum ist riesig. Nicht alle Fragen werden beantwortet. Vom Podium kommt die klare Aufforderung: Tolerant bleiben, sich engagieren und informieren ist wichtig.

Wittlich. Es sind nicht gerade die Urlaubsländer der reiselustigen Deutschen: Syrien, Afghanistan, Eritrea, Pakistan. Von dort flüchten die Menschen zu uns. 1500 sollen nach Wittlich kommen. Das hat die Landespolitik beschlossen. Gefunden hat sie als mögliche Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende: den ehemaligen Hela-Baumarkt.
Eingerichtet für die Menschen ist das Gebäude nicht. Zwei Zelte werden deshalb als Übergangslösung aufgebaut. Schon am Wochenende werden die ersten Menschen erwartet, die hier bis zu sechs Wochen leben.
Irgendwann sollen 700 von ihnen in der Hela-Halle und 800 in Containern untergebracht werden. Eins der Zelte bleibt stehen, als Aufenthaltsmöglichkeit. Das ist der Plan. Später kann sich das ändern, so wie sich momentan alles dauernd ändert angesichts der Völkerwanderung der Flüchtlinge. Das macht die Menschen ratlos. Deshalb kommen mehr als 1500 am Dienstagabend ins Eventum, wo sie informiert werden sollen."Was ist mit uns?"


Auf diesen Andrang ist man nicht eingestellt. Viele müssen stehen. Wenn sie sich umschauen, sehen sie genau die Menschenmenge, die im Ex-Hela unterkommen soll und die ihnen fremd ist. Die Flüchtlinge werden von den meisten, die an diesem Abend Fragen stellen, als Problem gesehen.
Die Fragen sind: "Die kennen wir nicht. Was ist mit uns? Bekommen wir noch eine Wohnung?"
"Wo kommt das Geld her? Es ist noch nicht lange her, da mussten etwa Eltern selbst die Kitas anstreichen, weil es gefehlt hat." "Meine Wahrnehmung ist, dass die Polizei personell am Limit angelangt ist. Kann sie noch ihre originäre Aufgabe, für öffentliche Sicherheit und Ordnung zu sorgen, wahrnehmen?"
"Wer haftet für Schäden, die Flüchtlinge verursachen?"
"Wie kann man als Bürger lernen mit schwer traumatisierten Menschen umzugehen?"
"Muss ich mich medizinisch vorbereiten. Vor welchen Krankheiten muss ich mich schützen?"
"Wo kommen denn die Fachkräfte her?"
"Gibt es Unterstützung für Lehrer? Ich fühle mich total überfordert. Wo kommen qualifizierte Sprachförderkräfte her?" "Werden die Fachärzte noch informiert, bevor Flüchtlinge in die Praxis kommen?"
"Wir haben große Sorge, dass jetzt Menschen mit einem Frauenbild zu uns kommen, das aus unserer Sicht nur als mittelalterlich betrachtet werden kann." "Müssen wir jetzt mehr Steuern zahlen, oder was?"
"Gibt es eine Obergrenze für Flüchtlinge, oder muss man die komplette Flut aufnehmen?" "Was ist an der Geschichte dran, dass Flüchtlinge nicht für Diebstahl belangt werden können?"
Vom Podium, besetzt mit Zuständigen von der Statssekretärin bis zum DRK- und Polizeivertreter (siehe Foto unten) kamen die Antworten wie: Der soziale Wohnungsbau soll gefördert werden. Auf dem Land gebe es noch Platz. Die Steuern würden nicht erhöht. Die Polizei könne ihre Aufgaben noch meistern, bilde zudem weiter aus für Neueinstellungen. Flüchtlinge müssen wie andere auch für Schäden oder Diebstahl geradestehen, es gelten dieselben Gesetze.
Für traumatisierte Menschen sollen zusätzliche Hilfen kommen, viele Traumata legten sich bei geregeltem Alltag. Es würden Fachkräfte gesucht, der Arbeitsmarkt gebe aber nicht alles her. Alle Asylsuchenden würden untersucht. Es gehe von ihnen keine größere Gesundheitsgefahr als von anderen Bürgern aus, sie seien in der Regel aber wegen der Flucht geschwächt, sodass sie sich hier anstecken. Generell sei ein Impfschutz zu empfehlen. Nur das DRK vereinbare in zwingenden Fällen Termine bei Fachärzten, das werde auch bezahlt.
Eine Obergrenze für Flüchtlinge sei schon nicht vom Grundrecht auf Asyl her definierbar. Und nicht zuletzt, wie Staatssekretärin Margit Gottstein sagte: "Ich bin auch Staatssekretärin des Frauenministeriums. Wir dürfen nicht den Fehler machen, dass wir glauben, weil Menschen aus muslimischen Ländern kommen und viele der Frauen Kopftuch tragen, dass das ein mittelalterliches Geschlechterverhältnis spiegelt. Die Mehrheit flieht vor einem Terror, der unter anderem versucht, ein mittelalterliches Frauenbild durchzusetzen."
Das sehen auch zwei Schüler des Peter-Wust-Gymnasiums so: "Wir wollen wissen, was Schüler gezielt tun können. Wir waren heute mit Flüchtlingen unterwegs und wissen: Flüchten ist keine Vergnügungsreise."
Wer sich ehrenamtlich einsetzen will, solches Engagement wird dringend gebraucht: Der DRK-Kreisverband ist vor Ort Ansprechpartner für die neue Unterkunft und will Infos auf seiner Homepage bereitstellen. Dazu sagte Anke Marzi, DRK: "Lassen Sie uns aber noch 14 Tage, das System ans Laufen zu bringen."
Weitere Fotos im Internet:
volksfreund.de/fotoMeinung

Contenance statt irrationaler Furcht
Was tatsächlich der Plan ist, angesichts der ungeklärten Dimensionen der aktuellen Völkerwanderungen, weiß keiner. Schon als Mensch andere Menschen nur zu verwalten ist ein Problem geworden. An die Parole "Wir schaffen das" glauben viele Bürger nicht mehr. Aktuell bleibt aber eigentlich nichts anderes übrig. Wir können keine Mauer ziehen, "Grenzen dichtmachen". Die Verkünder solch einfacher Lösungen, die zudem bösartige Gerüchte streuen, die sich wie Geschwüre verbreiten, sind gefährliche Brandstifter. Sie stellen Behauptungen in den Raum wie: zu krank, zu kriminell, zu teuer und Menschen an den Pranger. Klare Information hilft. Und eine besonnene Haltung, die nicht neue Ängste schürt. An Antworten hat es am Infoabend nicht unbedingt gemangelt. Es gab aber auch viel Schönfärberei, es wurde viel beschwichtigt. Gefehlt hat ein neu traler Moderator. Der hätte bitten können, auf den Punkt zu kommen. Eine große Ratlosigkeit war noch das Geringste, was zu spüren war. Leider auch irrationale Furcht vor Menschen, die nur als Masse und nicht mehr als Individuum gesehen werden. Das ist unmenschlich. s.suennen@volksfreund.deExtra

 Das Podium mit Yilmaz Bayrakci von dem für die Unterkunft zuständigen Sicherheitsdienst, Anke Marzi, stellvertretende DRK-Landesgeschäftsführerin, Franz-Dieter Ankner, stellvertretender Polizeipräsident, Professorin Karin Weiss, Bürgermeister Joachim Rodenkirch, Staatssekretärin Margit Gottstein und Landrat Gregor Eibes (von links).
Das Podium mit Yilmaz Bayrakci von dem für die Unterkunft zuständigen Sicherheitsdienst, Anke Marzi, stellvertretende DRK-Landesgeschäftsführerin, Franz-Dieter Ankner, stellvertretender Polizeipräsident, Professorin Karin Weiss, Bürgermeister Joachim Rodenkirch, Staatssekretärin Margit Gottstein und Landrat Gregor Eibes (von links). Foto: (m_wil )

"Willkommenskultur trifft auf Wirklichkeitskultur." Bürgermeister Joachim Rodenkirch "Wir wollen Ihnen zeigen, dass wir Ihre Bedenken und Sorgen ernst nehmen und so weit wie möglich versuchen, sie zu zerstreuen." Landrat Gregor Eibes "Dann kam der 5. September und das Wort der Bundeskanzlerin, womit die Aufnahme eine besondere Größenordnung erreicht hat." Staatssekretärin Margit Gottstein "Es weiß keiner, wo wir am Jahresende sind. Aber jetzt müssen wir schnell Plätze schaffen, um Obdachlosigkeit im Winter zu verhindern." Karin Weiss, Ministerium "Brandanschläge auf bewohnte Einrichtungen sind Mordanschläge." Franz-Dieter Ankner, Polizei