Tonnenweise Glück aus zweiter Hand

Tonnenweise Glück aus zweiter Hand

Sie ist Jägerin besonderer Schätze: Der eine findet sie wertlos, den anderen machen sie glücklich. Katrin Bornmüller sammelt alles, vom alten Bettzeug bis zum ausrangierten Medizin-Labor, für Menschen in Litauen, Lettland, Rumänien, Kroatien, Albanien oder in Afrika. Am Wochenende schickt die 71-Jährige den 325. Großtransport auf die Reise. Jetzt erscheint ein Buch über die Ehrenamtliche der Extra-Klasse.

Wittlich. Weißer Kurzhaar-Bob, Seidentuch zur tadellosen Bluse, Perlenkette zum Polohemd: Das ist der seriöse Chic von Katrin Bornmüller. Diese Frau soll eine Leidenschaft für Gebrauchtes haben? So ist es. Und das ist gut so. Diese Dame ruft regelmäßig um Hilfe, als ginge es um ihre eigene Existenz. Dabei tut sie das, um anderen zu helfen, die Not leiden, die man bitter nennt, die schuldlos ein Leben führen, das zur Katastrophe geworden ist. Für diese Menschen kann Katrin Bornmüller so gut wie alles gebrauchen: getragene Kleidung, Handtücher, Lebensmittel, ausrangierten Hausrat. Und sie braucht dauernd Geld. Viel Geld, sechsstellige Summen, und das jedes Jahr. Ihr bevorzugtes Fahrzeug ist ein Spritfresser, und der ist viel unterwegs: ein Sattelschlepper. Transport Nummer 325 ist gerade voll bepackt mit gespendeten Hilfsgütern.
Die Lastwagen aus Wittlich fahren nach Litauen, Lettland, Rumänien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Albanien oder Afrika. Natürlich schafft das die zierliche, aber zähe Dame nicht allein. Sie ist sozusagen Chefin einer Mannschaft, auf die sie sich verlassen kann: 60 Helfer, die beim Betrieb des Sammellagers am Stadtrand mitanpacken, Kleidung in Tüten stecken, Hausrat in Kartons packen, die Sattelschlepper beladen und immer mittwochs einen Flohmarkt betreuen, der ebenfalls Geld für die Transporte bringt. 2000 Euro kostet jede Tour.
Doch wie wurde die vierfache Mutter und bald neunfache Oma zur Gebrauchtwarenhändlerin in humanitärer Mission? Der Funke sprang beim Fernsehen über. Es war Gerhard Löwenthals Sendung "Hilferufe von drüben" in den 1970er Jahren. Der Beitrag ging ihr nah - als Sechsjährige hatte sie ihre Heimat, die spätere DDR, verlassen. Sie sagt: "Die Zustände im Osten. Das hat mich so entsetzt. Ich bin ja selbst ein Flüchtlingskind." Sie wird auf die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) aufmerksam und handelt: Katrin Bornmüller tritt 1980 der IGFM bei, betreut Fälle von politischen Häftlingen in der damaligen DDR, demonstriert vor Botschaften der DDR und UdSSR, schickt Tausende Pakete. 1990 folgt der erste Hilfstransport nach Rumänien.
Seit 2005 ist Bornmüller Vorsitzende der Deutschen Sektion der IGFM und hat ihr persönliches und politisches Netzwerk - unter anderem sitzt sie für die CDU im Stadtrat - für ihr Ehrenamt ausgebaut. Sie nutzt es wie ein Profi, eine echte Macherin. Schnell lernt sie wirkungsvoll für die gute Sache zu trommeln, ruft regelmäßig in der Presse zu Spenden für neue Transporte auf, lächelt in Kameras, wenn\'s der Werbung für die gute Sache dient, kümmert sich um Spendenquittungen, sagt immer wieder Danke für jede Hilfe, empört sich über Zollbestimmungen oder Beamte, die an Grenzen die Hand aufhalten, schreibt Leserbriefe, nimmt Ehrungen entgegen, sammelt Unterschriften, posiert mit Politikern und Unterstützern vor Sattelschleppern.
Als beispielsweise der 250. LKW im Herbst 2007 startet, nutzt sie das Jubiläum zum "Tag des Dankes", vermutlich brachte das gleich wieder ein paar Spenden - der nächste Sattelschlepper wartet immer. Wäre ihr Hilfstransport-Projekt ein klassisches Wirtschaftsunternehmen, wäre Katrin Bornmüller heute vermutlich Chefin eines Konzerns. Erfolgreiche Chefin naturgemäß, durchsetzungsfähig, absolut überzeugt von ihrer Mission, deren eigene Marke sie geworden ist. Selbstbewusst, ohne Feierabend und eine, die ihre Fühler überallhin ausstreckt und jede Chance auf eine gute Beute wittert. "Die Bornmüller" halt.
Vor dem Start des 325. LKW an diesem Wochenende sitzt sie vor meterhoch gestapelten Plastiksäcken voller Kleidung im Lager. Was ist ihr ehrenamtliches Geheimnis? "Man muss von der Sache überzeugt sein. Sonst stellt man sich auch nicht mit der Büchse auf die Straße. Und man braucht Leute, die Idealisten sind. Sonst geht das nicht." Und man braucht Verbindungen: Als sie von einem Wittlicher Arzt - einem CDU-Mitglied - erfährt, dass das ehemalige Haftkrankenhaus der Wittlicher Justizvollzugsanstalt geräumt und verschrottet werden soll, schafft sie es, dass OP-Saal, Röntgenanlage, OP-Bestecke, Schränke, Labor und 39 Krankenbetten nicht auf dem Müll landen: Alles wird von der IGFM auf dem Seeweg nach Afrika gebracht und kommt dort einem Krankenhaus in Kongo-Brazzaville zugute. Natürlich ärgert sich Katrin Bornmüller, dass ihr im Gegenzug nicht das Geld gegeben wird, das der Steuerzahler für die zunächst geplante komplette Entsorgung hätte ausgeben müssen.
Tue Gutes und rede darüber


Oder die Großküche, die in einem Gymnasium stand. In zehn Stunden bauen die IGFM-Helfer sie aus und schicken sie inklusive Riesentöpfen nach Litauen, wo sie in einem Krankenhaus zum Einsatz kommt. Über solche Aktionen freut sich Wittlichs tadellose Gebrauchtwaren-Transporteurin, und sie könnte von vielen solcher Coups erzählen. Denn die Jägerin der Hilfsgüter wählt den Weg "Tue Gutes und rede darüber". Und sie hat einen Mann, der ihr den Rücken stärkt: "Ohne ihn hätte ich das nie gepackt. Ich mache ja zu Hause auch nichts anderes." Und wenn sie "ins Loch fällt", glaubt, dass sie es "nicht mehr schafft", rappelt sie sich mit seiner Hilfe auf. Dann sagt er: "Komm\', das kriegen wir wieder hin!"
Ein Buch über Katrin Bornmüller mit dem Titel "Glaube-Liebe-Sattelschlepper" von Petra Geisbüsch erscheint Ende August im Diametric Verlag. Es kostet 29,90 Euro.
Ein Ehrenamt im ursprünglichen Sinn ist ein ehrenvolles, freiwilliges öffentliches Amt, das nicht auf Entgelt ausgerichtet ist. Man leistet es in Vereinigungen, Initiativen oder Institutionen und kann in einigen Fällen dazu verpflichtet werden. Ein Ehrenamt wird unter Umständen auch aberkannt. Manchmal gibt es eine Aufwandsentschädigung. Heute wird Ehrenamt zunehmend gleichbedeutend mit "Freiwilligenarbeit" oder "Bürgerschaftlichem Engagement" verwendet. Jeder dritte Deutsche engagiert sich ehrenamtlich. Quelle: Wikipedia

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