Diagnose Legasthenie - Kinder, Eltern und Lehrer oft überfordert

Diagnose Legasthenie - Kinder, Eltern und Lehrer oft überfordert

"Die Förderung eines jeden Kindes ist Kernaufgabe einer jeden Schule", sagt Thomas Trabusch. Er ist Berater für Grundschulen und einer der Dozenten, die am Infoabend "Legasthenie" im Waldracher Rathaus gesprochen haben.

Waldrach. Daniel hat keine Lust mehr auf Hausaufgaben und Lernen. Er schreibt sowieso wieder nur eine fünf oder eine sechs und auch die Standpauke zuhause ist programmiert. Irgendwann beschließt er, überhaupt nichts mehr für die Schule zu machen. Weit über 20 Fehler im Diktat sind bei ihm Normalzustand. Noch komplizierter wird es bei den Fremdsprachen. Egal, wie sehr er sich auch anstrengt - wo die Vokabel im Englischbuch steht, kann er seinem Lehrer exakt erklären, nur die Vokabel selbst will ihm einfach nicht mehr einfallen. Daniel ist Legastheniker. Er denkt in Bildern.
"Kinder mit Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) sind einer ständigen Überlastungssituation ausgesetzt", erklärt Legasthenietrainerin Christel Längsfeld. "Während die Zusammenarbeit mit den Müttern in der Therapie meist sehr gut funktioniert, muss die mit den Lehrern noch ausgeweitet werden", sagt sie. Und Daniel bestätigt: "Es ist nicht einfach. Wenn du einen guten Lehrer erwischst, hast du Glück. Bei mir haben manche das ganz gut hinbekommen, andere wussten überhaupt nicht mit der Situation umzugehen", erzählt er.
Ähnliche Erfahrungen haben auch viele der rund 50 Gäste gemacht, darunter Eltern wie Lehrer, die am Infoabend in Waldrach teilgenommen haben. So berichtet eine Mutter davon, dass die Lehrerin ihrer Tochter überhaupt nichts mit der LRS-Bescheinigung anzufangen wusste. Eine andere meint: "Zu mir hat ein Lehrer gesagt: ,Ab der fünften Klasse hat ein Legastheniker eben Pech!\'" Und einer dritten Mutter wurde angeraten, ihr Kind trotz entsprechender Intelligenz vom Gymnasium zu holen. Daniel nickt nachdenklich: "Ja. Genauso geht das leider", sagt er. "Das ist bittere Realität."
Hartnäckigkeit lohnt sich


"Lassen Sie nicht locker", rät Thomas Trabusch den anwesenden Eltern. "Löchern Sie jeden einzelnen Lehrer, bis er Ihnen sagt, wie genau er ihr Kind fördert." Wenn das nichts hilft, wenden Sie sich an die Schulsozialarbeiter oder die Vertrauenslehrer Ihrer Schule. Gehen Sie zum Schulleiter und zur Not auch weiter. Lehrer sind verpflichtet, einen Förderplan zu schreiben, sobald sie LRS erkannt haben", sagt er.
Doch zurück zu Daniel. Nachdem er sich selbst durch Hausaufgaben- und Lernverweigerung einen gewissen Druck genommen hat, kam die Lust am Lernen irgendwann zurück. Er sei zu diesem Abend gekommen, um den Eltern Mut zu machen. Heute ist er 17 Jahre alt. Seinen Realschulabschluss hat er mit einer vier in Deutsch und einer fünf in Englisch absolviert. Im letzten Sommer hat er eine Lehre zum Verwaltungsfachangestellten bei der Verbandsgemeindeverwaltung Ruwer begonnen: "Ich sitze heute Abend hier, um zu zeigen, dass man es auch mit LRS zu was bringen kann", sagt er. "Ich habe 60 Fehler im Diktat geschrieben und dennoch eine Stelle bekommen." anf
Extra

Der Abend im Waldracher Rathaussaal war eine gemeinsame Veranstaltung der VG-Ruwer Jugendpflegerin Julia Eiter sowie den Schulsozialarbeiterinnen Karin Reichert und Silke Meyer-Henter. Referenten und Ansprechpartner sind Thomas Trabusch, Berater für Grundschulen, Christiane Biewer, Kreisjugendamt, Gudrun Bastmeyer-Pflästerer und Christel Längsfeld. Ob ein Kind Legastheniker ist oder nicht, testet Diplom-Psychologin Sabrina Hornetz von der Lebensberatungstelle in Hermeskeil kostenlos aus. Alle Ansprechpartner unterliegen der Schweigepflicht. Eine Dokumentation des Abends in Waldrach ist bei Jugendpflegerin Julia Eiter erhältlich. anf

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