Die Männer von Kelberg

Kelberg - dieser Name steht scheinbar für das Männerparadies schlechthin. In der Verbandsgemeinde gibt es 190 Männer mehr als Frauen, bei rund 7300 Einwohnern - das ist statistisch selten. Ein Rundgang durch eine vermeintliche Testosteron-Zone.

Kelberg. Ein Hauch von Benzin liegt in der Luft, durch den eigentlich verschlafenen Ort donnern im Sekundentakt schwarz gelederte Motorradfahrer. Hier, in fast hörbarer Nähe zum Nürburgring, liegt die Verbandsgemeinde Kelberg mit ihrem gleichnamigen Hauptort. Ein kleines Örtchen mit großen Kindheits-Träumen vor der Haustür. Ja, man kann verstehen, warum es hier wesentlich mehr Männer als Frauen geben soll: Die Verbandsgemeinde hat bei rund 7300 Einwohnern rund 190 Männer mehr als Frauen, der Hauptort Kelberg bei rund 2000 Einwohnern davon alleine 60 mehr. Was macht die Gemeinde so attraktiv für das starke Geschlecht?

Erste Station: Die örtliche Tourismuszentrale. Sie wird überraschenderweise von einer Frau geführt. Schnelle Klärung: "Ich komme nicht aus der Verbandsgemeinde Kelberg", sagt Andrea Meyfarth lachend. Die 34-Jährige preist das örtliche Angebot: "Für Männer haben wir natürlich den Nürburgring direkt nebenan. Im Ort selbst besuchen viele Männer gerne die Geschichtsstraße. Und dann gibt es auch einen geologischen Parcours, an dem man vieles über den Vulkanismus erfahren kann."

Für Männer darf es also gerne ein bisschen knallen. Das passt zum Eifeler Schlehenbrand, den es auch in der Tourismuszentrale gibt. Dieser harmoniert gut mit den Speisen der örtlichen Fleischerei: Pizza-Fleischkäse, Fleischwurst, marinierte Nackensteaks - nichts auf den Schildern im Schaufenster hat wohl weniger als 300 Kalorien pro Quadratzentimeter. Hier werden keine Weight-Watchers-Punkte gezählt, das ist beste Nahrung für echte Kerle.

Kerle, wie man sie im Schützenverein in Zermüllen, einem Ortsteil von Kelberg, findet. Karl Christ ist Vorsitzender der Grünjacken. Der jünger wirkende, kantige 53-jährige Steinmetz deutet auf ein Foto an der Wand im Schützenhaus. "Mein Schwager ist Bundesschützenkönig. Seine Frau ist neben ihrer 13-jährigen Tochter die einzige Frau unter 28 Männern im Verein. Es ist schwer, Frauen für den Verein zu gewinnen. Die vielen Feste im Jahr bedeuten viele Verpflichtungen." Aber: "Wir kommen gut zurecht. Frauen aus den anderen Vereinen in der Gemeinde unterstützen uns. Und manchmal gibt es eben einen Solokönig, wie in diesem Jahr."

Als König mag man ja solo regieren können, aber ein Leben so ganz ohne Frauen... Vor allem die Jugendlichen müssten das doch beklagen. Treffen mit der Dorfjugend, dazu zurück durch Kelberg, vorbei am "LaundryMAN", der die Wäscherei im Ort betreibt, in den Ortsteil Köttelbach. Hier wohnt Manuel Theisen. Der kräftige 20-Jährige ist Dachdecker und Vorsitzender der "Dorfjugend Köttelbach", eines von fünf Junggesellenvereinen in der Verbandsgemeinde.

Anmache: "Haste Land???"



"Hier in Köttelbach hat das einzige Mädchen in meinem Alter leider schon einen Freund. Ich bin aber auch nicht auf der Suche." Vor seinem Haus steht ein Auto mit einem Aufkleber auf der Heckscheibe. Aufschrift: "Haste Land???" - eine ironisch gemeinte Anmache auf Dorffesten. "Jüngere Mädchen gibt es genug. Aber wenn man jemanden sucht, der mit einem hier bleiben will, wird es schwierig." Als Manuel für das Foto posiert, ruft er seinem Großvater auf Eifeler Platt zu: "Guck mal, das wird "Bauer sucht Frau!"

Ja, die Eifeler Landwirtschaft, vielleicht ist sie ja der Grund für den Männerüberschuss. Die harte Arbeit auf dem Land hat im 19. Jahrhundert bereits zu einer Flucht der Frauen in die Städte geführt. "Das kann ich mir nicht vorstellen. Hier gibt es ja nur noch zwei Bauernhöfe", hält Hermann Molitor dagegen. Der 82-jährige ehemalige Lehrer für Deutsch und Geschichte kennt Kelberg wie kaum ein anderer. Er ist hier geboren und hat mehrere Bücher über die Gemeinde geschrieben. "Ich kenne keinen Grund für einen Männerüberschuss. Nach der Wende sind zwar viele Menschen aus dem Osten nach Kelberg gekommen, die haben aber auch ihre Familie mitgebracht." Molitor verweist an das Einwohnermeldeamt. Vielleicht sei dort eine außergewöhnliche Zuwanderung von Männern vermerkt, zum Beispiel der Zuzug von Ausländern.

Also zurück zum Rathaus, wo die Suche nach dem Männerparadies Kelberg begann. "In unseren eigenen Gemeindestatistiken ist in den letzten Jahrzehnten kein außergewöhnlicher Zuwachs von Männern zu erkennen", sagt Harald Bermel vom Einwohnermeldeamt. Er hält noch ein weiteres Rätsel parat: "Und überhaupt: Laut unserer Statistik ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgeglichen. Das Landesamt hat oft andere Zahlen."

Alles also eine Frage der Wahrnehmung? Beim letzten Rundgang durch den Ort fallen dann doch auf: Zwei Frauen in grob geblümten Arbeitskitteln beim Straßenkehren, der in Bonbonfarben geschmückte Esoterik-Laden neben der Marienstraße und zwei hübsche weibliche Bedienungen im Dorf-Café Schillinger. Kelberg ist vor allem eben auch ein ganz normales Dorf.