Ursprüngliche Satire verkitscht

Ursprüngliche Satire verkitscht

TRIER. Anlässlich des 50. Todestages von Bert Brecht steht die Dreigroschenoper ab 15. Oktober auf dem Spielplan des Theaters Trier. Beim Theatercafé dazu machten Chefdramaturg Peter Oppermann und Regisseur Thilo Voggenreiter deutlich: "Kunst ist nicht nur nett."

Das große Publikumsinteresse zum Dreigroschenoper-Theatercafé bestätigt die Einführung des Chefdramaturgen: "Das Werk ist heute noch populär." Warum, drückt Peter Oppermann allerdings drastisch aus: "Das Stück ist vergewaltigt worden, vielleicht von Brecht selbst". Sein Unterhaltungswert, der zur Entstehungszeit (1928) genauso funktioniert habe wie heute, habe die ursprüngliche Satire verkitscht. Ja, er habe dazu geführt, dass die Dreigroschenoper, statt gesellschaftlich etwas zu verändern von der Gesellschaft gerne geschluckt worden sei, meint Regisseur Thilo Voggenreiter. Doch sie sei keine "nette putzige Gang-sterballade" sondern ein Stück, das heute relevanter sei denn je. Dazu zitiert Oppermann einen "Spiegel"-Artikel über den Moloch Sao Paulo, der die Herrschaft der Unterwelt und Abschottung gesellschaftlicher Schichten als Realität beschreibt. Beides habe Bert Brecht anhand des Machtkampfs zweier brutaler Egoisten thematisiert: Jonathan Peachum, der "Bettlerkönig", staffiert gesunde Bedürftige zu Krüppeln aus, schickt sie betteln und schlägt daraus Profit. Mackie Messer, Straßenbandit und sein ärgster Konkurrent, nimmt ihm sein größtes Kapital, Tochter Polly. Regisseur Voggenreiter will in seiner Umsetzung das archetypische Phänomen der Gier nach Macht verdeutlichen, aber auch eigene zeitgemäße Erfahrung: "In unserer inhaltsleeren, weil gottlosen Welt ist alles dem Profit untergeordnet." Als Bild dafür soll ein auf jeden Kitsch verzichtendes minimalistisches Bühnenbild mit Drehscheibe ("Schichten trennende Zentrifuge") dienen. Statt Huren sollen als Symbol des gesellschaftlich Skandalösen käufliche Kinder zu sehen sein. Und weil "Armut selbst nicht rührt, sondern nur ihre Inszenierung", wird Peachum kein Bettlerkönig, sondern Showmaster sein, der Elende zu Gunsten der Quote vorführt. Inszenierung setzt auf Schonungslosigkeit

Profit sei nicht nur Thema, sondern auch Zwiespalt des Stücks, erläutern Voggenreiter und Oppermann. Brecht selbst habe den Löwenanteil des Gewinns aus dem Stück eingestrichen, obwohl er ohne seine englisch sprechende Geliebte Elisabeth Hauptmann nie an den Stoff der "Bettleroper" aus dem Jahr 1728 gekommen wäre. Sie habe einen Hauptteil der Texte geschrieben, einen anderen habe Brecht hemmungslos von François Villon geklaut. In diesem Zusammenhang bekommt die von Michael Ophelders, Darsteller des Mackie Messer, gesungene "Ballade vom angenehmen Leben" eine ganz neue Bedeutung. Überhaupt zeigen einige Szenen mit den Darstellern Klaus-Michael Nix als Peachum, Claudia Felix als Polly, Sabine Brandauer als Mrs. Peachum, Jan Brunhoeber als Bettler und Hans-Peter Leu, der Brecht zitiert, dass die Inszenierung auf Schonungslosigkeit setzt. So wie die Musik, die sich an die für acht Musiker und 21 Instrumente geschriebene Urtext-Fassung der Weill-Stiftung hält: "Wir bevorzugen die bissige Version, um die Boshaftigkeit der Geschichte herauszustellen", sagt der musikalische Leiter Franz Brochhagen. Ein Teil seiner Musiker hat sich davon inspirieren lassen und sorgt als Saxofon-Quintett "Reed Bulls" mit eigenwilligen Weill-Interpretationen für Furore. Doch einfach gut unterhalten sollen die Besucher nicht nach Hause gehen. Es erklingt noch einmal das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens und unterstreicht die von Oppermann formulierte Intention: "Wir wollen stärker gesellschaftspolitisch Stellung beziehen, mit Schärfe sensibilisieren. Kunst ist nicht nur nett!" Premiere des Stücks ist am 15. Oktober um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen: 18., 20., 22. Oktober, 4., 7., 10., 18., 24. November, 1., 15. Dezember, 6. Januar 2007, 4. Februar.

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