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Wie der islamistische Anschlag 2016 Berlin verändert hat

Amokfahrt : Der Riss, der Berlin zusammenhält

Die Amokfahrt vom 1. Dezember versetzte Trier in einen Schockzustand. Wir blicken darauf, wie andere Städte mit solch unfassbaren Taten umgegangen sind: Wie haben sie sich verändert? Wie erinnern sie an die Opfer? Teil 2 befasst sich mit Berlin.

Irgendwann, das war uns allen klar, würde es auch in Berlin einen Terroranschlag geben. Es war nur eine Frage der Zeit. Die Menschen in der Hauptstadt haben generell eine recht unaufgeregte Art, durchs Leben zu gehen. Hier passiert ständig etwas. Schönes wie Schreckliches. Würde man immer auf diese Reizüberflutung reagieren, befände man sich in einem sehr ungesunden Daueralarmzustand. Daher machten wir auch in der Zeit, in der sich die Anschläge in Europa häuften, einfach weiter wie bisher und hofften insgeheim auf einen Fehler in der Wahrscheinlichkeitsrechnung; wir hofften darauf, dass Berlin vielleicht doch verschont bleiben würde.

Diese Unaufgeregtheit fand am 19. Dezember 2016 um 20.02 Uhr ein jähes Ende. Zumindest kurzzeitig. An jenem Abend raste ein islamistischer Attentäter mit einem gestohlenen Sattelzug in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz. Dabei starben elf Menschen, knapp 100 wurden zum Teil schwer verletzt. Den Fahrer des Lastwagens hatte der Attentäter zuvor getötet.

Es ist unmöglich, für 3,8 Millionen Berliner zu sprechen und zu sagen, was sie nach dem Anschlag empfunden haben. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass sich diese Tat tief ins Gedächtnis und in die Herzen der Bewohner dieser Stadt eingebrannt hat.

Auf schmerzliche Weise wurde uns bewusst, dass es jeden von uns hätte treffen können.

Die sonst so abstrakten Nachrichten von Attentaten in der Welt haben an jenem Abend eine persönliche Dimension bekommen. In meinem Fall eine sehr persönliche: 100 Meter vom Breitscheidplatz entfernt arbeitet meine Frau in einem Ingenieurbüro. Jeden Tag geht sie an der Gedächtniskirche vorbei, in der Weihnachtszeit trifft sie sich dort gelegentlich nach der Arbeit mit Kollegen auf einen Glühwein. Zum Glück nicht am 19. Dezember 2016. An diesem Montagabend saß sie neben mir auf der Couch.

Nach dem Anschlag hatte sich der Breitscheidplatz in ein Meer aus Blumen, Kerzen und Fotos der Getöteten verwandelt, in ein Mausoleum, das von schwer bewaffneten Polizisten bewacht wurde. Etwas abseits der Unglücksstelle trafen sich jedoch viele Berliner zu Spontankonzerten und schmetterten der Trauer und der Wut hoffnungsvolle Lieder wie „We are the world“ entgegen.

Sehr schnell setzte auch das normale geschäftige Treiben rund um den Breitscheidplatz wieder ein. Auf einige mag dieses Verhalten kühl, trotzig oder abgeklärt gewirkt haben. Ich glaube, viele wollten damit demonstrieren, dass sie sich nicht einschüchtern lassen und sie so weiterleben wollen wie bisher.

Wirklich vergessen wird die Amokfahrt dennoch niemand in Berlin. Denn spätestens, wenn man vor der Gedächtniskirche steht, wird man an die Geschehnisse erinnert, denn der Breitscheidplatz ist zum traurigen Mahnmal geworden. Auch mehr als vier Jahre nach dem Terroranschlag ist der Ort mit Pollern gesichert.

Während ein denkmalkonformes Sicherheitskonzept, an dem seit Längerem gearbeitet wird, weiterhin auf sich warten lässt, hat der Berliner Senat nach der Tat entschieden, direkt am Ort des Anschlags eine Gedenkstätte zu schaffen. Im Boden vor der Gedächtniskirche wurde zum ersten Jahrestag ein mehr als 15 Meter langer goldener Riss eingelassen. In die Vorderseiten der Treppenstufen vor der Kirche wurden zudem die Namen der Toten eingraviert. Der Riss im Boden symbolisiert die tiefe Wunde, die das Attentat im Leben der Betroffenen, aber auch der Berliner hinterlassen hat. Bei mir persönlich macht sich diese Wunde bei jedem Attentat bemerkbar. Aufgerissen ist sie, als ich von der Amokfahrt in Trier erfuhr.

Mehr als vier Jahre ist der Anschlag am Breitscheidplatz mittlerweile her. Jedes Jahr am 19. Dezember wird eine Gedenkfeier ausgerichtet. Trotz der Corona-Pandemie wurde auch am letzten Jahrestag eine kleine Andacht in der Gedächtniskirche gefeiert. Kerzen wurden vor der Kirche aufgestellt, Kränze und Blumen niedergelegt. Um 20.02 Uhr – der Uhrzeit des Anschlages – läuteten die Kirchenglocken zwölf Mal. Ein Glockenschlag für jedes Todesopfer.

Hat dieser Anschlag Berlin verändert? Nein. Hat dieser Tag Berlin geprägt? Auf jeden Fall.

 Denise Juchem.
Denise Juchem. Foto: privat

Denise Juchem hat von 2001 bis 2003 beim „Trierischen Volksfreund“ volontiert und im Anschluss mehrere Jahre als Redakteurin gearbeitet. Seit 2008 lebt sie in Berlin. Dort hat sie elf Jahre bei der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ gearbeitet. Seit 2019 ist sie Pressesprecherin einer dänischen Projektgesellschaft.