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Triererin schreibt Doktorarbeit über die Kriminalisierung von "Zigeunern" in den 1920er Jahren

Juliane Tatarinov hat die Geschichte von Wanderhändlern in Trier und der Region untersucht und ist dabei auf dramatische Lebenswege gestoßen. TV-Foto: Nina Altmaier
Juliane Tatarinov hat die Geschichte von Wanderhändlern in Trier und der Region untersucht und ist dabei auf dramatische Lebenswege gestoßen. TV-Foto: Nina Altmaier
Trier. In den 1920er Jahren sind "Zigeunerfamilien" in Trier und Umgebung von Kreis zu Kreis weitergereicht worden - eine Familie musste 16 Abschiebungen innerhalb von zwei Jahren verkraften. Juliane Tatarinov hat sich in ihrer Dissertation mit der Kriminalisierung des Wandergewerbes zur damaligen Zeit befasst. Nina Altmaier

Den Winter konnte Familie D. (Name aus Datenschutzgründen geändert) noch in Kinderbeuern nahe Wittlich verbringen, bevor sie im Mai 1927 vom Landkreis Wittlich in den Landkreis Zell, dem Geburtsort des Vaters, abgeschoben wurde. Im Januar desselben Jahres war das dritte Kind der Familie gestorben, das sie an ein Säuglingsheim hatten abgeben müssen.

Schicksale wie dieses hat die Triererin Juliane Tatarinov in ihrer Dissertation über "Zigeuner-Familien" in den 1920er Jahren in der Region Trier nachgezeichnet. Anhand einer Karte erklärt Tatarinov die zahlreichen Abschiebungen zwischen den Landkreisen, die Familie D. innerhalb von zwei Jahren durchmachen musste.Ständiger Kampf



So kämpfte Familie D. sieben Monate lang darum, sich in Kinderbeuern ansiedeln zu dürfen. Zwar konnte die Familie nach langem Streit ihr Recht geltend machen, doch der zuständige Bausendorfer Bürgermeister versagte ihr die Armenunterstützung. Begründung: Die Familie habe vorher keinen festen Wohnsitz gehabt, die Mitglieder seien Zigeuner und die Gemeinde daher nicht unterstützungspflichtig. Dass die Familie ihren Wohnsitz in der Gemeinde bei einer Zwangsräumung verloren hatte, wurde nicht weiter berücksichtigt.

Die gebürtige Leipzigerin Juliane Tatarinov hat in Trier und im britischen Essex Anglistik und Geschichte studiert und forscht seit 2006 zum Thema "Armut im ländlichen Raum". Bei einer Recherche über Menschen der Region, die noch den rotwelschen Dialekt - einen sogenannten "Gaunerdialekt" - sprechen konnten, ist sie auf das Thema aufmerksam geworden. Erstaunlich viele Worte aus diesen Sprachen seien bis heute erhalten, sagt sie.

Es sei vor allem ihre eigene Unwissenheit über das Thema gewesen, die sie motiviert habe, weiter nachzuforschen. Wer waren die Menschen, die damals als "Zigeuner" bezeichnet wurden? Wie lebten sie mit den Folgen, die diese Bezeichnung mit sich brachte?

Der Begriff habe damals für die Arbeit der Polizei keine ethnische Bedeutung gehabt, erklärt sie, viel mehr bezeichnete er Menschen, die von Armut betroffen waren, ein Wandergewerbe hatten und keinen festen Wohnsitz. Wer letztendlich ein "Zigeuner" war, das entschied der Polizeibeamte vor Ort, eine feste Definition gab es nicht. Dafür erleichterte die Bezeichnung die Abschiebung der Familien in den nächsten Landkreis und damit die Abgabe der Verantwortung für die Unterbringung, denn die Rechtslage war unklar.

Heute werde das Thema "Zigeuner" vor allem mit der Verfolgung im Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Über die Zeit vorher sei kaum etwas bekannt, sagt Tatarinov.