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Historische Fakten, persönliche Erinnerungen

Schweich. Es war ein bewegender November-Abend in der ehemaligen Synagoge in Schweich. Ein Abend, der anrührte und aufwühlte mit jiddischen Liedern, geschrieben und komponiert im Wilnaer Ghetto. Mal energisch und emotional, mal zärtlich und leise vorgetragen von Roswitha Dasch (Gesang und Geige), arrangiert und am Klavier nuanciert begleitet von Ulrich Raue.

Schweich. Wilna war ein Zentrum religiösen, kulturellen und politischen jüdischen Lebens und wurde das Jerusalem Litauens genannt. Das Wilnaer Ghetto existierte nur knapp zwei Jahre und wurde im September 1943 von den Nazis liquidiert. Mehr als 10 000 Juden starben.
Die Wuppertaler Musikerin Roswitha Dasch, deren Leidenschaft und Liebe dem jiddischen Liedgut und der Klezmer Musik gilt, ist mehrfach nach Wilna (heute Vilnius) gereist, um Zeitzeugen zu treffen und die Geschichten hinter der Geschichte aufzuschreiben und zu vertonen. Es entstand eine außergewöhnliche Text-Musik-Collage, die historische Fakten mit persönlichen Memoiren mischt und den Menschen im Ghetto eine Stimme gibt, die sie unvergessen macht.
Unerschütterliches Gottvertrauen


So wie die Mutter, die sich mit ihren Kindern auf den leidvollen, stundenlangen Zug zum Ghetto macht, durch blutige Gassen hindurch zu den Massengräbern von Ponar: "Es führen Wege nach Ponar. Doch kein Weg führt zurück. Und der Vater ist entschwunden. Und mit ihm das Glück ... Der Frühling kam ins Land. Und brachte nach sich den Herbst. Der Tag ist voller Blumen. Uns sieht nur die Nacht."
Ein anderes Lied erzählt vom unerschütterlichen Gottvertrauen inmitten all der Trauer und Verzweiflung: "Wer wird bleiben? Was wird bleiben? Bleiben wird der Wind. Gott wird bleiben. Ist das nicht genug?" Und beinahe trotzig kraftvoll heißt es auch im von Lejb Rosenthal geschriebenen Finale zu einer Revue, die im Ghetto komponiert und aufgeführt wurde: "Wir leben ewig! Es brennt eine Welt. Wir leben ewig ohne einen Groschen Geld. Allen Feinden zum Trotz. Die uns anschwärzen. Wir leben ewig! Wir sind da!" Schade nur, dass der Einladung der Projektgruppe "Jüdisches Leben in und um Schweich" des Dekanates Schweich-Welschbillig in Kooperation mit dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Schweich, der Volkshochschule Schweich, Kultur in Schweich, der Pfarrei St. Martin Schweich und der Katholischen Erwachsenenbildung Trier im Rahmen der Kreiskulturtage nur eine handverlesene Schar Zuhörer folgte. Die allerdings honorierte den eindrucksvollen Abend mit langanhaltendem Applaus. sbn