Als der Atommüll in die Eifel kommen sollte

Als der Atommüll in die Eifel kommen sollte

Der geplante Bau einer nuklearen Wiederaufarbeitungsanlage bei Hambuch und Illerich (Landkreis Cochem-Zell) bewegte vor gut 30 Jahren die Menschen im ganzen Land. Durch die Region schwappte eine Welle von Protesten. Nun zeigen erstmals zugängliche Dokumente der Staatskanzlei in Mainz, wie das Projekt im Dezember 1982 sein rasches Ende fand.

Hambuch/Illerich. Am Ende ging es ganz schnell: Gerade mal anderthalb Seiten umfasst das Schreiben des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK), Günther Scheuten, an den damaligen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel vom 29. November 1982. Darin teilte er der Landesregierung mit, dass der Antrag für die geplante WAA in der Eifel zurückgezogen wird. Es war das Aus für ein Projekt, das neun Monate lang im Mittelpunkt der politischen Diskussion in der Eifel, ja des ganzen Landes stand.
Neun Monate vorher hatte die DWK der Landesregierung noch mitgeteilt, dass sie von allen untersuchten möglichen Standorten im Land Kaisersesch für eine WAA am meisten geeignet halte. Ein Vierteljahr später folgte der formelle Antrag , im September der Antrag für das Raumplanungsverfahren. Im Dezember kam das Ende dieses Plans.
Doch in diesen neun Monaten hatte das Vorhaben bereits für reichlich politischen Zündstoff gesorgt. Die Landesregierung musste sich mit Kritik der Opposition und von Bürgerinitiativen auseinandersetzen. Der Vorwurf: Die Regierung habe selbst den Standort Kaisersesch favorisiert und schon im Vorfeld gemeinsam mit der DWK das Projekt auf den Weg gebracht.
Überrascht war die Landesregierung jedenfalls vom Ausmaß des Protestes gegen die geplante WAA in der Region. In einem Vermerk der Staatskanzlei für die Sitzung der CDU-Landtagsfraktion Anfang September 1982 ist die Rede von rund 30 Kommunen und zahlreichen Bürgerinitiativen, die eine negative Haltung gegenüber dem Vorhaben zum Ausdruck brachten. Lediglich die Arbeitsgemeinschaft Sichere Energieversorgung aus Neuwied habe sich positiv geäußert.
Die Landesregierung hatte als Gegenmaßnahme drei Informationsschriften zur WAA herausgegeben, es gab einen Infoshop der DWK in Kaisersesch und Anzeigen in den Lokalzeitungen. Einschätzung der Staatskanzlei dazu: "Es muss abgewartet werden, ob damit die negative Haltung vor Ort, die teilweise schon hysterische Züge angenommen hat, aufgeweicht werden kann."
Allerdings gab es auch bei der CDU im Landkreis Cochem-Zell deutliche Stimmen gegen das Vorhaben. In einem Schreiben des damaligen Innenministers Kurt Böckmann (CDU) an Ministerpräsident Vogel berichtet jener von einem Gespräch mit dem damaligen Cochem-Zeller Landrat Severin Bartos, der sich als "einsamer Rufer" für die Wiederaufbereitungsanlage bezeichnete und die notwendige parteipolitische Unterstützung in diesem Kreis vermisste.Stimmung wird aggressiver


Am 20. September 1982 besuchte Ministerpräsident Vogel den Kreis Cochem-Zell. In einem ausführlichen siebenseitigen Vermerk wird der Regierungschef zuvor auf die Gespräche vorbereitet. Dabei wird auch deutlich, dass die Stimmung in der Eifel immer aggressiver geworden war. Es wird sogar auf einen Brandanschlag auf das Infobüro der DWK in Kaisersesch hingewiesen. Zudem wurden Infobusse der DWK mit Gewalt aus den Dörfern vertrieben.
Spätestens im September war der Landesregierung in Mainz dann klar: Eine WAA in der Eifel war politisch nur schwer durchsetzbar.
Hinzu kam, dass im März 1983 die Landtagswahl anstand. Anfang Oktober wandte sich Regierungschef Vogel daher an seine Amtskollegen in Niedersachsen, Hessen und Bayern, um mit ihnen eine gemeinsame Vorgehensweise zu finden. In einer Ministerratssitzung am 26. Oktober 1982 kündigte Vogel an, dass er die DWK auffordern werde, eine Aussage über einen WAA-Standort in einem der vier Bundesländer zu treffen.
Danach ging es schnell. Am 3. November 1982 wurde vermeldet, dass sich Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) mit seinem bayerischen Kollegen Franz Josef Strauß (CSU) einig sei, dass die weiteren WAA-Genehmigungsverfahren nur noch von diesen beiden Ländern koordiniert werden sollten, die Standorte in Rheinland-Pfalz und Hessen kämen dagegen nicht mehr infrage.Extra

Februar 1982: In den Medien wird über drei Standorte für eine WAA in Rheinland-Pfalz diskutiert: Saarburg, Meisenheim und nördlich von Cochem. 70 Bürger aus Cochem und Umgebung gründen die erste Bürgerinitiative. 13. März 1982: Die DWK gibt bekannt, dass Hambuch/Illerich als Standort für eine rheinland-pfälzische WAA ausgesucht wurde. 14. März 1982: Erste Protestveranstaltung auf dem Marktplatz in Kaisersesch. 27. März 1982: Gemeinsame Sondersitzung von Kreistag und VG-Rat Kaisersesch. Entschließung wird vertagt. Vorher haben sich bereits die Gemeinden Illerich und Pommern einstimmig gegen eine WAA ausgesprochen. Auch die SPD lehnt eine WAA ab. 6. April 1982: Es gibt zehn Bürgerinitiativen gegen die WAA. 1. Mai 1982: Bei der Brückeneinweihung in Cochem gibt es eine spontane Demo gegen die WAA Hambuch/Illerich. 16. Mai 1982: Sternwanderung zum geplanten WAA-Standort - mehr als 4000 Teilnehmer. 25. Mai 1982: Der Kreistag lehnt einstimmig die geplante WAA bei Hambuch und Illerich ab und fordert sofortige Einstellung der Planungen. Fast alle Gemeinderäte in der Eifel- und Moselregion des Kreises haben mittlerweile die Anlage abgelehnt. 24. Juli 1982: Großdemo der Bürgerinitiativen in Cochem, mit als 8000 Teilnehmer. Anfang November 1982: Die DWK teilt mit, dass sie eine WAA nicht in der Eifel, sondern in Schwandorf/Wackersdorf (Bayern) bauen will. 29. November 1982: Die DWK zieht ihren Antrag für ein raumplanerisches Verfahren zurück. Dezember 1982: Erste Bürgerinitiativen stellen ihre Arbeit ein. Ministerpräsident Vogel erklärt, die WAA in der Eifel sei endgültig vom Tisch. djuExtra

Am 24. Juli 1982 erlebte Cochem die bis dahin größte politische Demonstration seiner Geschichte. Gut 8000 Menschen protestierten in der Kreisstadt gegen die geplante WAA. Laut Polizeibericht wurde der Verkehr rund um Cochen durch die Anfahrt von rund 80 Traktoren erheblich behindert. Sehr zum Ärger der Cochemer selbst, die darin vor allem eine "Anti-Fremdenverkehrsdemonstration" sahen und das Ausbleiben von Touristen befürchteten. So formuliert es die Polizei in ihrem internen Bericht. Die Demonstration selbst verlief friedlich, allerdings beschlagnahmte die Polizei einige "gefährliche" Gegenstände. "Es handelte sich um eine Kiste Nägel, drei Beile, sechs Mistgabeln, zwölf Sensen, acht Dreschflegel, zwei Eisenstangen und eine Eisenfahnenstange." dju