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Integration
Salafismus: Informationen zur möglichen Gefahr

Glaube gibt Halt. Doch er kann auch extreme, radikale Formen annehmen, die zu gefährlichen Denkmustern führen.
Glaube gibt Halt. Doch er kann auch extreme, radikale Formen annehmen, die zu gefährlichen Denkmustern führen. FOTO: dpa / Christoph Soeder
Wittlich/Bitburg. Religiöse Radikalisierung kann verheerende Folgen haben. Im Cusanus-Gymnasium Wittlich hat die Beratungsstelle Anker, die für die gesamte Region zuständig ist, über das Thema informiert. Von Julia Nemesheimer

Dominic Schmitz war 17 Jahre alt, als er zum Islam konvertierte. Für den damals orientierungslosen Jugendlichen, der auf der Suche nach dem Sinn seines Daseins war, viel kiffte, die Schule gerade so abgeschlossen hatte, bot sich mit dem Islam ein ganz neuer Lösungsweg.

Ein Bekannter führte ihn behutsam und mit viel Aufmerksamkeit in die Religion ein. „Plötzlich bekam alles einen Sinn“, meint der heute 31-Jährige. Für ihn war plötzlich jemand da, nicht nur Allah, sondern auch die Gemeinde, die ihm zuhörte und Halt gab.

Aus den alten Mustern auszusteigen, mit den Drogen von einem Tag auf den anderen aufzuhören, funktionierte mit der neuen Lebenseinstellung leicht. Über Jahre war er fester Teil der salafistischen Szene. „Irgendwann, spätestens ab 2009, wurde viel weniger über Gott gesprochen. Im Vordergrund stand die Politik“, umschreibt Schmitz den Wandel, den er erlebte. Und mit diesem Wandel kam auch sein langsam keimender Wunsch zur Abkehr. „Als Salafist, und das war ich, ist die Welt nur schwarz und weiß. Es gibt nur richtig und falsch, gläubig und ungläubig“, meint der junge Mann. Drei Jahre habe er gebraucht, um aus der Szene auszusteigen.

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, gibt es seit einem Jahr die Beratungsstelle Anker in Bitburg. Das Angebot des Deutschen-Roten-Kreuz-Kreisverbands Bitburg-Prüm versucht einer möglichen religiösen Radikalisierung insbesondere von Jugendlichen vorzubeugen, zu informieren und für das Thema zu sensibilisieren. „Der Fokus liegt ganz klar auf der Prävention“, erklärt Jana Nickels. Sie ist die einzige Mitarbeiterin der Beratungsstelle. „Aber ich bin eng mit ähnlichen Stellen verzahnt, da herrscht ein reger Austausch“, meint die junge Frau. So arbeite sie viel mit der Mainzer Beratungsstelle Salam zusammen, aber auch mit anderen Mitarbeitern in der Jugendarbeit aus der Region Bitburg. „Wir möchten den Jugendlichen eine Alternative bieten, damit sie bei und mit uns Halt und Orientierung finden“, erläutert Nickels. Neben verschiedenen Freizeitangeboten für Jugendliche und einem geplanten Jugendtreff in Bitburg ab 2019 bietet Anker auch Workshops, Vorträge und Fortbildungen in Schulen und für Multiplikatoren wie Lehrer, Erzieher und Jugendarbeiter an. Die wiederum sollen so sensibilisiert werden, dass sie Radikalisierung frühzeitig erkennen, in ihrer Handlungsfähigkeit wachsen und eine direkte fachliche Hilfe vorfinden.

Anker kann auch angelaufen werden, wenn man sich Sorgen macht, dass jemand in die religiöse Radikalität hineinrutscht. In dem Fall greift die Beratungsstelle ebenso ein. „Wir schauen dann, ob tatsächlich Grund zu dieser Annahme besteht“, meint Nickels. Oft sei es vielmehr so, dass der starke Glaube Halt und Orientierung gibt. Gründe für die Radikalisierung seien von Fall zu Fall unterschiedlich. Häufig würde aber ein Zusammenhang zu physischen Traumata, Orientierungslosigkeit oder mangelndem Halt bestehen. „Bei uns in der Region ist der Islamismus nicht so stark vertreten. Pro Monat haben wir maximal ein bis zwei Fälle“, sagt Jana Nickels. Natürlich könne man nur eingreifen, wenn man von Bekannten und Angehörigen eingeschaltet wird. Aus diesem Grund konzentriere man sich auf die Prävention, meint Nickels weiter.

Die geringen Zahlen decken sich auch mit der Statistik des Islamwissenschaftlers Dr. Richard Hattemer. Dieser informierte im Atrium des Cusanus-Gymnasiums Wittlich, ebenso wie Schmitz, über die Gefahren der islamistischen Radikalisierung.

„Für die Region sehe ich wenig Gefahrenpotenzial. Der Großteil der hier lebenden Muslime übt einen gewaltfreien Glauben aus“, so der Wissenschaftler.

Dominic Schmitz ist heute kein Moslem mehr. Er sei noch immer spirituell, sieht sich aber keiner Religion zugehörig. Seine Erfahrungen teilt er in seinem Buch genauso wie bei Vorträgen und Workshops, um das gleiche zu tun wie Anker im Regionalen: sensibilisieren und aufklären, um eine islamistische Radikalisierung gar nicht erst zustande kommen zu lassen.