Frauen gegen den Krieg

Frauen gegen den Krieg

Unermüdlich hat Katrin Bornmüller für das Buch ihrer Freundin Jadranka Cigelj gekämpft. Die intellektuelle Kroatin, Menschenrechtskämpferin und Politikerin war 1992 im Konzentrationslager Omarska interniert.

Es ist eine alte, ungute Tradition: Wer irgendwo auf dieser Welt einen Krieg gewinnt, der plündert, brandschatzt und vergewaltigt. Das war so, ist so und wird wohl auch so bleiben, wie Psychologen uns neuerdings verraten: Es liegt, so hören wir, in der Natur des männlichen Säugetieres, soviel eigenen Samen wie möglich unters Volk zu bringen. Neu daran ist lediglich, dass mutige Frauen sich zu wehren beginnen. Nicht während der Vergewaltigungen, auch das liegt in der Natur der Sache. Die finden meist in Gruppen statt; die einen tun es, während die anderen zuschauen, gerne auch zuschlagen, sich an der Verzweiflung der Opfer weiden, bevor sie die Rollen tauschen. Dann werden die Frauen zurück gebracht in ihre Zellen, nicht ohne dass sie zuvor den Raum, in dem alles geschah, ordentlich reinigen müssen.

Interniert im Konzentrationslager

Auch Jadranka Cigelj musste dieses Schicksal über sich ergehen lassen. Sie ist bosnische Kroatin, Rechtsanwältin, Politikerin und Menschenrechtskämpferin. Zwei Monate lang war sie 1992 interniert im berüchtigten Konzentrationslager Omarska im nordwestlichen Bosnien. 3000 Männer, so wird geschätzt, wurden hier ermordet, meist bosnische Muslime. Lagerkommandant Zeljko Mejakic stand später wegen seiner Kriegsverbrechen vor dem Tribunal in Den Haag, Cigelj sagte als Zeugin aus. Nicht alle der ursprünglich 37 Frauen zählenden Gruppe in Omarska haben überlebt. Jadranka hatte Glück. Ihr Leben hat sie gerettet, nach Jahren des Chaos hat sie zurückgefunden in den Beruf, und längst sorgt sie wieder für Mutter und Sohn: als Angestellte der jetzigen kroatischen Regierung.

Doch der Weg bis zur heutigen Situation war hart. Wäre sie nicht in einer Schicksalsstunde dem norwegischen Botschafter begegnet, der sie buchstäblich von dem Geländer der Brücke über die Save wegzerrte, hätte sie ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Nach der Entlassung aus dem Lager war ihr Zustand derart desolat, dass die eigene Mutter sie nicht erkannte.

Neben den von außen sichtbaren Verletzungen existieren die inneren. Die heilen langsamer. Jadranka machte nie eine Therapie, lebte einfach weiter, steckte all ihre Kraft in das eine Leben, das sie sich erhalten konnte. Als Zeugin stand sie in Den Haag, wo sie sich wiederum den Angriffen ihrer Schinder ausgesetzt sah. "So, wie sie war, würde ich nicht einmal ein Fahrrad an sie lehnen", gab Mejahic ungestraft zu Protokoll. Auch gegen Milosevic sagte sie aus.

Und nun? Jadranka schreibt. Schreibt an gegen das Vergessen, das vielleicht so heilsam wäre, das sie sich jedoch nicht gönnt. "Nein! Nicht vergessen und nicht schweigen! Im Namen der fünf Frauen, die meine Freunde waren und dort starben, und der mir unbekannten vielen hundert Meschen", heißt es in ihrem Vorwort zu "Appartement 102 - Omarska". Es war die Nummer des Raumes in dem ehemaligen Bergwerk, in dem Jadranka sieben Wochen existieren musste. Darin beschreibt sie die grauenvollen Erlebnisse im Lager. Zur Frankfurter Buchmesse wird es in deutscher Sprache erscheinen.
"Endlich!", sagt Katrin Bornmüller. Die Leiterin der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes hat unermüdlich für die Realisierung der Übersetzung gekämpft.

Frauen kämpfen für ein Buch

Kennen gelernt hatten sich die beiden Frauen 1993 bei der Jahreshauptversammlung der IGFM in Königsstein. "Am Anfang war alles so furchtbar traurig", erinnert sich Bornmüller. Die IGFM habe ihr gerne geholfen: Mit Freundschaften, Sach- und Geldspenden und mit den guten Verbindungen, als Jadranka beispielsweise ihre Sozialwohnung in Zagreb zu verlieren drohte. Die Übersetzung ist für Katrin Bornmüller eine Herzensangelegenheit, "...weil ich Jadranka gern habe und weil ich mich in ihr Schicksal hineindenken kann". Dass die deutsche und schweizerische Sektion die Finanzierung übernehmen, war schnell klar. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach einer Übersetzerin. Fündig wurde die österreichische Sektionsleiterin: Die in Wien geborene Vlatka Frketic war zweisprachig aufgewachsen und bereit, den Auftrag zu einem reellen Preis zu übernehmen.
Als der deutsche Text im Sommer 2005 fertig war, klapperte Bornmüller die Buchverlage ab. Eine Absage jagte die nächste, bis die Tochter ihr den Tipp gab, sich an Frauenverlage zu wenden. Das tat die 65-Jährige noch am selben Abend. Hier endlich wurde ihr Interesse entgegengebracht. "Und dann kriegte ich den schönsten Brief meines Lebens", strahlt sie. Der Diametric-Verlag sagte zu. Verlegerin Jutta Wilke teilt die Ansicht der Autorin, dem modernen Märchen vom "sauberen Krieg" entgegen arbeiten zu müssen mit deutlichen Schilderungen der alltäglichen "Handarbeit": Eisenstangen, Äxte, gekochte Buchenäste, Messer und Pistolen. Das Vorwort hat Karl-Peter Schwarz geschrieben, Prag-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch dieser Glücksgriff geht auf die Initiative der beharrlichen Wittlicherin zurück. Viel habe sie gelernt über die Entstehungsgeschichte von Büchern, fasst Bornmüller zusammen. Einen Vertrag habe Jutta Wilke mit Jadranka abschließen müssen, weitere mit der Übersetzerin und der IGFM. Der nächste Wunsch der über die sprachlichen und politischen Grenzen hinweg agierenden Aktivistin: Leser auch aus anderen Ländern gewinnen. Die Einwilligung zu weiteren Übersetzungen ist bereits erteilt.
Die Verlegerin glaubt an das Buch; Katrin Bornmüller sowieso. Der Zeitpunkt scheint günstig. "Auf der Berlinale hat gerade der Film ,Grbavica' von Jasmila Zbanic den Goldenen Bären erhalten", sagt sie. Der thematisiert ebenfalls die sexuelle Gewalt im Balkankrieg. Petra Geisbüsch

Jadranka Cigelj: Appartement 102 - Omarska, ISBN 3-938580-11-9, 14,50 Euro; im Buchhandel erhältlich ab Sommer 2006.

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