Majin and the Forsaken Kingdom: Spielend betritt der Mensch das Märchen

Majin and the Forsaken Kingdom: Spielend betritt der Mensch das Märchen

Majin and the Forsaken Kingdom: Hätten die Brüder Grimm ein Spiel produziert, würde es so aussehen

Die Spieleindustrie will ihren Kunden seit einiger Zeit Märchen erzählen – ihren erwachsenen Kunden, wohlgemerkt. Der Action-Markt, seit Jahren dominiert von ultrarealistischen Militärszenarien oder bombastischen Feldzügen virtueller Halbgötter wie Kratos (God of War) oder Dante (Dante's Inferno) wendet sich ins Märchenhafte und will Emotionen wecken. Namco Bandai hatte im Oktober mit dem Erfolgstitel Enslaved schon angedeutet, wohin die Reise geht: Der Spieler führt nicht einen, sondern zwei Protagonisten durch die Handlung und freut sich, zu sehen, wie die emotionale Bindung der Figuren im Spielverlauf intensiver wird. In Majin and the Forsaken Kingdom wird alles, was in Enslaved noch Science Fiction war, endgültig Märchen pur, geprägt und ausgefüllt von einem gutmütigen, tapsigen und mächtigen Riesen mit beruhigend gelb glühenden Augen.

Ein magisches Königreich liegt darnieder und wird von bösen Mächten geknechtet. Der Held, auf dem alle Hoffnung ruht, ist ein edler Dieb, der mit Tieren reden kann. Mehr Märchen geht kaum. Allein packt der Dieb den Kampf gegen das Böse jedoch nicht. Der Majin sieht aus wie der große Bruder des Steinbeißers aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Die riesige Kreatur ist am Anfang noch relativ schwach, gewinnt ihre volle magische und körperliche Macht jedoch im Verlauf des Spiels Schritt für Schritt zurück. Zwischendrin zeigt der Majin immer mal wieder unterhaltsame Schwächen. Wenn er trotz seiner Macht und Größe manchmal einfach vor Angst stiften gehen will, wirkt er wie eine dänische Dogge, die keine Ahnung hat, dass sie dreimal so groß ist wie der kläffende Köter vor ihr.

Majin and the Forsaken Kingdom ist ein Action-Adventure, dessen Entwickler Game Republic klar auf Vielseitigkeit gesetzt haben. Kämpfen, Schleichen, Sprungpassagen, knackige Rätsel in einer bunten Märchenwelt voller abgedrehter Kreaturen – das Spiel bietet ständig Herausforderungen an, die nicht nur im puren Action-Bereich liegen, sondern auch Akzente in den Kategorien Erkundung und Rätsel setzen. Manche Problemstellungen müssen in mehreren, logisch aufeinander aufbauenden Stufen bewältigt werden. Majin wird dadurch nicht zu einem Professor Layton, aber eine derart starke Betonung von guten Rätseln ist im Action-Genre eben auch sehr selten geworden und kommt deshalb in diesem Spiel umso besser an.

Der hinter Majin and the Forsaken Kingdom steckende Kopf ist Yoshiki Okamoto, der mit den Resident-Evil- und Street-Fighter-Spielen Geschichte geschrieben hat. Das Spiel ist ein schöner und vor allem funktionierender Kontrapunkt zu Bombast-Overkills wie Vanquish oder Bayonetta (beide Sega) – ein inhaltlich wie optisch stark präsentiertes Märchen. im/ah Jörg Pistorius

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