1. Meinung

Held oder selbstgerechter Gnom? An Blatter droht die Fifa zu zerbrechen

Held oder selbstgerechter Gnom? An Blatter droht die Fifa zu zerbrechen

Der Weltfußballverband erlebt gerade das größtes Beben seiner 111-jährigen Geschichte. Einzig und allein der (gefühlt) ewige Präsident Joseph Blatter scheint diesen Wirren zu widerstehen.

Es ist sogar gut möglich, dass er heute erneut als Präsident des Weltfußballverbandes wiedergewählt wird. Wie das möglich ist? Die 209 Fifa-Staaten haben nach den Regularien alle eine Stimme. Die Fidschi-Inseln haben mit ihrem Votum ebenso viel Stimmkraft wie Deutschland, Samoa wie Brasilien oder San Marino wie Italien.
Und genau diese kleinen Fußballnationen sind die großen Freunde des Schweizer Juristen. In seinen vier bisherigen Amtszeiten hat Blatter die kleinen stets hofiert und umgarnt, wohl wissend, dass sie ihn vorbehaltlos unterstützen. Geschenke und Wertschätzung, das Gefühl von Macht und keine Fragen, was die kleinen Fußballnationen mit den geschenkten Fifa-Millionen anfangen - so funktioniert Blatters Weltfußballverband.
Der Schweizer Volkswirt hat dieses System entwickelt - wie weit und wie perfekt, wird sich heute bei der Wahl zeigen.
Und der eiskalte Taktiker hat noch einen Trumpf im Ärmel. Einen Tag nach der Präsidentschaftswahl wird in der Fifa über die Quoten bei den kommenden Weltmeisterschaften entschieden. Hinter verschlossen Türen hat der umtriebige Strippenzieher sicher den kleinen Verbänden schon so manches Zugeständnis versprochen.
Und in dieser Krise zahlen sich die großen Stärken des Fifa-Frontmanns aus: Er ist absolut skrupellos und hat bisher jede Krise ausgesessen. Sollen die europäischen und amerikanischen Fußballverbände ihn doch ächten und hassen, er hat seine Hausmacht in Asien und Afrika, und die zählt nun einmal mehr.
Doch diese Krise unterscheidet sich nun doch von allen übrigen Skandalen und Skandälchen, die der "selbstgerechte Züricher Gnom", wie ihn die englische Boulevardpresse schon mal nannte, überstanden hat.
Der Weltfußballverband steht an einem Wendepunkt. Es geht nicht mehr (nur) um Joseph Blatter, der mit aller Kraft an seiner Machtposition festhält. Es geht um die Zukunft des Verbandes. Unter Blatter wird der korrupte Sumpf, in dem Turniere und Hunderte Millionen Euro verschoben wurden, nicht ausgetrocknet.
Wollen sich das die großen europäischen und amerikanischen Fußballnationen gefallen lassen? Kann die Wirtschaft, die den Milliarden schweren Verband sponsert, mit diesem korrupten Verein weiterarbeiten? Was, wenn die Uefa wirklich die WM boykottiert?
Egal wie: Blatters Lebenswerk ist jedenfalls missglückt. Er wird als der größte Verbrecher in der Geschichte des Weltfußballverbandes eingehen.
h.waschbuesch@volksfreund.de